02.03.2026
„Zieh fort aus deinem Land!“ Abraham soll wegziehen, ausziehen. Er soll das Bisherige, das Gewohnte, das Vertraute verlassen, seiner Heimat Ade sagen und losziehen in ein Land, das er nicht kennt, einer ungewissen Zukunft entgegen. Unglaubliches wird von Abraham gefordert! Wie mag Abraham sich da gefühlt haben? Was mutet Gott ihm da zu?
„Der offene Becher“ unter diesem Thema steht die zweite Woche unserer Exerzitien im Alltag. Einige Schwerpunkte sind dabei: Offenheit, Vertrauen und Aufnahmebereitschaft. Das sind auch die Themen, die in den Schrifttexten des zweiten Fastensonntags angesprochen werden.
Im Evangelium (Mt 17, 1-9) können wir mit den beiden Jüngern das „vollkommene“ Angesicht Jesu in seiner ganzen Klarheit, Schönheit und Offenheit schauen. Jesus lädt uns ein, diesem Blick vertrauensvoll stand zu halten, auch in Zeiten, in denen wir seine unmittelbare Nähe nicht spüren.
In der alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Genesis (12, 1-4a) begegnet uns Abram (Abraham) als ein für Gottes Weisung und für das Vertrauen in die Führung Gottes offener Mensch.
Diese Offenheit und dieses Vertrauen kommt auch in diesem Bild zum Ausdruck: Es trägt den Titel: „Abraham“ und stammt aus der „Wiener Genesis“, die im 6. Jh. in Syrien entstanden ist. Heute befindet es sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Ich habe dieses Bild übrigens vor 35 Jahren als Motiv für mein Primizbild ausgewählt zusammen mit dem Spruch aus dem Propheten Jesaja: „Hier bin ich, Herr, sende mich“.
Das ist auch die Haltung des Abraham auf diesem Bild.
Oben, das blaue Segment des Sternenhimmels („Ich werde dich so zahlreich machen, wie die Sterne am Himmel!“). Dieses Segment wird durchbohrt von einer Hand, die vorwärts weist, von der Hand Jahwes („Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde“). Der Blick Abrahams ist nach oben, in den weiten leeren Raum gerichtet. In diesen soll er sich hinein- / hinausbewegen. Seine Hände sind verdeckt. So drückt er aus: Dem Handeln Gottes will ich nicht vorgreifen, auch wenn ich es jetzt noch nicht verstehe! In dieser Unsicherheit, in dieser Haltung sagt Abraham voll Vertrauen: „Hier bin ich Herr, sende mich!“
„Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.
Da zog Abram weg, wie der Herr ihm gesagt hatte, und mit ihm ging auch Lot. Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran fortzog.“
„Zieh fort aus deinem Land!“ Abraham soll wegziehen, ausziehen. Er soll das Bisherige, das Gewohnte, das Vertraute verlassen, seiner Heimat Ade sagen und losziehen in ein Land, das er nicht kennt, einer ungewissen Zukunft entgegen. Unglaubliches wird von Abraham gefordert! Wie mag Abraham sich da gefühlt haben? Was mutet Gott ihm da zu?
Abraham ist bereits 75 Jahre alt. In dem Alter tritt man doch kürzer und macht weniger. Doch Abraham wagt den Aufbruch. Warum? Weil da nicht irgendwer sagt: „Zieh fort, brich auf!“ Weil Gott es sagt, weil Gott es will. Abraham horcht und gehorcht, ja noch mehr: er glaubt und vertraut. Er stützt sich auf Gott. Er tut, was Gott ihm sagt.
Dieses Vertrauen auf Gott ist keine Garantie vor Krisen und Gefahren. Es bewahrt ihn nicht vor Schwierigkeiten. Abraham bleibt nichts erspart! Er gerät in Angst und Not, er erlebt Anfechtungen und Zerreißproben, er kennt Umwege und Irrwege, er macht schlimme Fehler und lädt Schuld auf sich. Aber immer wieder erfährt er aufs Neue, dass Gott da ist, dass er mitgeht, dass er ihm treu ist, dass er ihm den rechten Weg zeigt.
Ist der Glaube Abrahams auch unser Glaube? Glaube ich, dass Gott mich liebt und führt? Wir müssen nicht nach Kanaan ziehen. Wir müssen nicht unbedingt einen Wohnungswechsel vornehmen oder eine Ortsveränderung. Die Frage ist: Wo gilt es für mich vielleicht im übertragenen Sinn „auszuziehen“, loszulassen, aufzubrechen? Wo sitze ich fest, habe mich behaglich eingerichtet, bin nicht mehr beweglich und offen für Neues? Wo habe ich meine Meinung und lasse nichts anderes gelten? Wo muss ich aus verkehrten Gewohnheiten ausziehen, aus falschen Abhängigkeiten? Wo muss ich meine ichbezogenen Ziele loslassen und lernen, die Absichten Gottes zu verfolgen? Wo muss ich aufbrechen aus alten Gleisen, es voll vertrauen wagen, Neuland zu betreten? Das sind die Fragen, die uns in der zweiten Fastenwoche begleiten.
Autor: Pater Michael Wegner, CSSp
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