facebook

Pater Heinz Sand feiert sein 60-jähriges Priesterjubiläum

18.07.2025

Pater Heinz Sand CSSp hat in den 60 Jahren seines priesterlichen Wirkens viele Facetten des Menschseins kennengelernt - als Missionar, Seelsorger, Lehrer, Psychoanalytiker und Künstler. Ob im brasilianischen Urwald, in Speyer, Broich oder Knechtsteden - überall versuchte er, Licht in das Dunkel menschlicher Not zu bringen. Nach dem Heimgang von P. Norbert Merkel ist P. Sand der letzte „Mohikaner“ seines Jahrgangs im Orden der Spiritaner in Deutschland.

Geboren am 23. April 1937 in Ludwigshafen, wuchs Heinz Sand als ältester von drei Geschwistern in der Pfalz auf. Sein Vater arbeitete als Beamter in der Stadtverwaltung, seine Mutter war Hausfrau. Die Nachkriegszeit war hart: Lebensmittel waren knapp, der Wiederaufbau des Landes mühsam. Dennoch gab es Lichtblicke - vor allem in der Kunst.

Schon als Kind entdeckte er seine Leidenschaft für Farben und Formen. Eine Erinnerung ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: „Als kleiner Junge habe ich die ganze Küche mit Aquarellfarben bemalt - sehr zur Freude meiner Mutter, die sich kurzerhand zu mir setzte und mitmalte.“ Diese frühe Begeisterung für die Kunst sollte ihn sein Leben lang begleiten.

Seine schulische Laufbahn führte ihn von Ludwigshafen nach Rheinzabern und schließlich nach Speyer, in das Guido-Stift der Spiritaner. Hier wurden die Schüler auf das Abitur vorbereitet – doch der Alltag war entbehrungsreich. Um die Schüler zu versorgen, sammelten die Spiritaner in den umliegenden Dörfern Lebensmittel, vor allem Kartoffeln.

Der damalige Messdiener Heinz Sand begleitete mit seinen Freunden den Spiritaner-Bruder Marianus auf diesen Fahrten zu den Bauern. Dabei hörte er zum ersten Mal von den Missionaren in Afrika „Bruder Marianus erzählte von ihren Abenteuern und Herausforderungen. Das hat mich tief beeindruckt. Ich wusste: Das will ich auch“, erinnert sich der heute 88-jährige Spiritaner.

Ein weiteres prägendes Erlebnis war ein Gespräch mit einem engen Schulfreund, Manfred Gütermann, der zwar einen anderen Lebensweg eingeschlagen hat, aber seit über 40 Jahren Ständiger Diakon in der Diözese Speyer ist. Dieser erzählte ihm, dass er nach Afrika gehen werde. Heinz fragte neugierig: „Wie geht das?“ Die Antwort war unerwartet: „Du machst einen kurzen Kurs in Speyer, dann darfst du nach Afrika. Dort bekommt man ein Gewehr, um die Patres vor Banditen und Löwen zu schützen.“

Diese Mischung aus Abenteuerlust und dem Wunsch, anderen zu helfen, faszinierte Heinz Sand so sehr, dass er beschloss, den gleichen Weg einzuschlagen. So führte sein Weg schließlich nach Speyer.

Theologische Ausbildung und Priesterweihe

Nach der Vorbereitung in Speyer ging er nach Menden, wo er das Abitur ablegte. Anschließend trat er in das Noviziat der Spiritaner in Heimbach ein. Dort legte er die zeitliche Profess ab und begann sein Philosophiestudium in Knechtsteden.

Für seine theologische Ausbildung wurde er nach Rom geschickt, wo er an der Päpstlichen Universität Gregoriana Dogmatik studierte. Er sollte später auch Dozent für Dogmatik werden. In seine Studienzeit fiel das Zweite Vatikanische Konzil. Er erlebte dieses tiefgreifende Ereignis, das die Kirche und ihre Theologie neu ausrichtete, hautnah mit und war von den theologischen Aufbrüchen dieser Zeit tief beeindruckt. Vor allem die Neuorientierung der Theologie, die den Menschen in den Mittelpunkt stellte, prägte ihn nachhaltig.

Am 18. Juli 1965 wurde er im Dom zu Speyer zum Priester geweiht.

 

Mission in Brasilien – Eine Schule des Lebens

Ursprünglich wollte er nach Afrika, doch der Orden hatte andere Pläne: Brasilien. Dort sollte eine neue theologische Ausbildungsstätte entstehen, und so wurde er 1968 an den Oberlauf des Amazonas geschickt, um an diesem Projekt mitzuarbeiten.

Später lernte er Portugiesisch und begann seine Lehrtätigkeit am Colégio Cristo Rei in São Paulo, einer Schule mit über 2000 Schülerinnen und Schülern zwischen Abitur und Universität. Neben dem Religionsunterricht an der Schule feierte er am Wochenende Gottesdienste und betreute ein Krankenhaus für Krebspatienten.

Auch in der Diözese Cruzeiro do Sul half er beim Aufbau einer Schule mit, die von den Speyerer Dominikanerinnen geleitet wurde.

Brasilien ist für ihn zur Schule des Lebens geworden. „Die Menschen dort sind sehr tolerant. Ich habe mit Begeisterung geredet, auch wenn meine Grammatik fehlerhaft war - aber niemand hat darüber gelacht. In Brasilien habe ich gelernt, aus dem Stegreif zu predigen, spontan zu sprechen und von Herzen zu erzählen. Das kam bei den Leuten viel besser an.“

Aber er sah und erlebte auch großes Elend im Urwald des Acre: hungernde Familien, Kinder mit aufgeblähten Bäuchen, Leprakranke ohne medizinische Versorgung. Besonders schmerzlich war ein Erlebnis, das er nie vergessen wird: Ein junger Mann starb vor seinen Augen an einer Blutvergiftung, weil es keine medizinische Versorgung gab. Seine Eltern waren dabei und schrien vor Verzweiflung. „Das hat mich tief berührt“, sagt er. Diese Erlebnisse haben seinen Wunsch verstärkt, Menschen auf einer noch tieferen Ebene zu helfen.

Von der Seelsorge zur Psychoanalyse

Während eines Heimaturlaubs in Deutschland entdeckte er die Psychoanalyse für sich. Er ließ sich darauf ein und absolvierte eine vierjährige Ausbildung bei Professor Eduard Grünewald in Innsbruck. Danach kehrte er auf Anregung des damaligen Provinzials, Pater Albert Claus, nach Speyer zurück und eröffnete in der Nähe der Liga-Bank eine eigene Praxis und arbeitete als Psychoanalytiker.

Ihm war es ein Anliegen, Menschen in seelischer Not zu begleiten. Über 15 Jahre lang betreute er zahlreiche Menschen in Einzel- und Gruppentherapien. „Ich habe die Menschen nicht nur therapiert – ich habe sie begleitet. Mir ging es immer darum, den Menschen als Gegenüber wahrzunehmen“, betont er. Doch nicht alle können geheilt werden. Manche verlieren den Lebensmut und wählen den Freitod. „Eine schmerzliche Erfahrung für jeden Therapeuten“, gibt er zu. Umso wichtiger waren ihm die Momente, in denen Menschen wieder Hoffnung schöpfen konnten.

Eines dieser freudigen Erlebnisse ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: Einmal lud ihn, als er in Knechtsteden war, eine ältere Dame zu ihrem Geburtstag ein. Er scherzte: „Ich komme erst, wenn Sie 100 werden.“ Die Dame nahm das ernst und wurde tatsächlich 100. Ihre Tochter holte P. Sand persönlich ab, um an der Feier teilzunehmen. Am Tisch saßen in der Mitte die Jubilarin, dann der Bürgermeister als Ehrengast, daneben die Tochter und er selbst. Gemeinsam feierten sie diesen besonderen Tag. Doch am nächsten Morgen rief ihn die Tochter an: „Herr Pfarrer, ich glaube, mit meiner Mutter geht es zu Ende.“ Sofort nahm er ein Taxi und fuhr zu ihr. Als er dort ankam, lag sie ruhig im Bett. Sie sah ihn an, lächelte und sagte: „Herr Pfarrer, ich hätte eine Bitte an Sie.“ “Was denn?“ fragte er und kam näher. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange, legte sich zurück - und schlief friedlich ein. Die Tochter schaute ihn überwältigt an und konnte kaum glauben, was gerade geschehen war.

Viele Jahre hatte Pater Sand die Frau begleitet, seit sie ihn bei den Gottesdiensten in der Basilika kennengelernt hatte. „Sie hat in ihrem Leben viel durchgemacht, aber immer ihre Zuversicht bewahrt. Ihr friedlicher und schmerzloser Tod war ein letzter Ausdruck ihres tiefen Vertrauens - ein Moment, der mich bis heute begleitet“, erinnert sich der Psychoanalytiker voller Freude und Dankbarkeit. Diese Frau habe ihm gezeigt, worauf es im Leben wirklich ankomme: auf Vertrauen. Sie hatte ein unerschütterliches Gottvertrauen!

Knechtsteden - Die Verbindung von Theologie, Glaube und Kunst

Nach fast zwei Jahrzehnten intensiver psychotherapeutischer und seelsorglicher Arbeit in Speyer und einem kurzen Einsatz in Broich bei Würselen wurde Pater Sand gebeten, nach Knechtsteden zurückzukehren, um dort in der Seelsorge mitzuarbeiten. Sein Wirken in Knechtsteden ging aber weit über die klassischen pastoralen Aufgaben hinaus.

Zwei zentrale Elemente prägten sein Wirken in dem ehemaligen Prämonstratenserkloster: Das Religiöse und das Künstlerisch-Intellektuelle. Statt ausschließlich klassische Predigten zu halten, organisierte er Kunstausstellungen in den Turmkammern der Knechtstedener Basilika. Diese wurden in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein organisiert, und Künstler aus der Region stellten dort ihre Werke aus. Besonders die 18-Uhr-Messe entwickelte sich zu einem Ort des Dialogs zwischen Theologie, Glaube und Kunst. „Ich habe versucht, alle drei zu verbinden“, so Pater Sand. Zu den regelmäßigen Besuchern zählten Künstler, Lehrer und Universitätsprofessoren.

Davon ist Pater Sand bis heute überzeugt: „Es gibt Dinge, die sich mit Worten nicht ausdrücken lassen - nur die Kunst vermag es, das Unsagbare sichtbar zu machen. Für mich ist Kunst ein Ausdruck des Lebens, der Freude und der Sehnsucht. Durch Farben und Formen bringe ich meine tiefsten Empfindungen zum Ausdruck. Sie ist ein Weg, das auszudrücken, was mit Sprache nicht möglich ist.“

Bereits in seiner Schulzeit war das Malen für ihn ein Ventil. „Während der Unterricht mich langweilte, griff ich zu Stift und Papier. Ich habe mir das Zeichnen selbst beigebracht – autodidaktisch, aus innerem Drang. Die Kunst kennt keine Grenzen, keine Regeln, keine Zwänge. Eine solche Freiheit gibt es nirgendwo sonst.“

Seine Kunstwerke sind für ihn nicht nur kreativer Ausdruck, sondern auch Therapie für sich selbst und für andere. „Die Bäume [siehe Bild] stehen für meine Patienten. Sie sind krank, umgeben von Dunkelheit (Schnee, Eis und Kälte). Ich versuche, sie mit Licht und Wärme zu umhüllen - so wie ich es auch mit den Menschen mache. Also, durch das Malen therapiere ich. Was ich mit Worten nicht ausdrücken kann, drücke ich durch die Kunst aus.“

Licht und Wärme stehen für Lebensfreude - und „dieses Licht in der Dunkelheit ist für mich der Glaube“, fügt er hinzu. „Der Glaube hilft uns, durch Höhen und Tiefen zu gehen. Er gibt uns die Kraft, das Dunkle zu überwinden.“

Ein Leben im Dienst der Hoffnung

Sein ganzes Wirken – ob als Seelsorger, Psychoanalytiker oder Künstler –  hatte ein Ziel: Licht in die Dunkelheit der Menschen zu bringen. Auch wenn ihn seine Erfahrungen als Therapeut Demut lehrten: „Man kann nicht jeden heilen. Aber der Mensch braucht jemanden, der ihm zuhört.“ Doch nach 60 Jahren priesterlichen Wirkens bleibt für ihn eine Erkenntnis: Glaube, Wissenschaft und Kunst sind keine Gegensätze –  sie ergänzen sich. Sein Wunsch für die Zukunft? „Die Kraft, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen.“

Autor: Pater Samuel Mgbecheta, CSSp

Unser Newsletter

Immer aktuell informiert mit unserem Spiritaner-Newsletter
zur Newsletter-Anmeldung...

 
 

Suche