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In der Notschlafstelle für obdachlose Drogenabhängige in Köln (NOTEL) erhalten die Gäste jede Nacht eine warme Mahlzeit, eine Dusche, die Möglichkeit, ihre Wäsche waschen zu lassen und ein Bett.

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Interview mit Pater Herbert Douteil anlässlich seines diamantenen Priesterjubiläums

Vor 60 Jahren weihte Bischof Herman van Elswijk, CSSp., Bischof von Morogoro (Tansania), in Knechtsteden neun Mitbrüder zum Priester. Zu diesem Weihejahrgang gehört auch der langjährige Brasilien-Missionar, Pater Herbert Douteil, CSSp. In einem Interview mit Pater Samuel Mgbecheta, CSSp gewährt der aus Krefeld stammende Ordensmann, der an der Universität Köln im Fach Musik promoviert worden war, Einblicke in seinen sechzigjährigen Einsatz als Ordenspriester und Missionar.

Pater Herbert Douteil, C.S.Sp

Pater Herbert Douteil, C.S.Sp

Am 1. Mai 2021 feierst Du Dein diamantenes Priesterjubiläum. Was bedeutet Dir dieses Fest? Wie fühlst Du Dich im Augenblick?

Das Fest bedeutet mir eine Gelegenheit des Innehaltens, des Nachdenkens und vor allem des Dankens für alle geschenkten Gnaden, die ich erhielt und weitergeben konnte. Was die Gesundheit angeht, fühle ich mich momentan nach der ersten Impfung gegen Corona dem Alter von gut 85 Jahren entsprechend sehr gut. Auch im Kopf scheint es noch zu klappen, wenn ich den anderen glauben darf.

Wie viele wart ihr in Deinem Weihejahrgang?

Wir waren damals zu neun Mitbrüdern, die Bischof Herman van Elswijk, CSSp., Bischof von Morogoro (Tansania), in Knechtsteden hat weihen können; gemeinsam hatten wir schon 1955 das Abitur in Menden und am 7. April 1956 in Heimbach unsere Erstprofess gemacht. Zwei von ihnen sind später ausgetreten, P. Claus lebt noch in Knechtsteden, die anderen sind im Herrn entschlafen und haben ihren ewigen Lohn empfangen.

Was hat Dich bewogen, Spiritaner zu werden?

Der Wille, Missionar zu werden; dass ich zu den Spiritanern kam, verdanke ich auch Bruder Wilhelm Weyres, einem Vetter meines Großvaters, den ich am Tag vor seinem Tod zu Weihnachten 1951 in Knechtsteden besuchen konnte. Dieser Wunsch wurde später sehr verstärkt, als ich die Mitbrüder und ihre Arbeit näher kennen lernte, besonders Bischof Rüth.

„Hier wird jetzt jemand gebraucht!“

1978 gingst Du nach Brasilien, um einen Film über die Arbeit der Spiritaner am Oberlauf des Amazonas zu drehen. Aus dem auf ein paar Wochen angelegten Einsatz wurden dreieinhalb Jahrzehnte. Kannst Du Deinen Werdegang als Missionar kurz beschreiben?

Ich hatte 1973 für Bischof Heinrich Rüth, CSSp. im Missionsverlag Knechtsteden die Missionstaschenbücher „Schrei aus der Grünen Hölle“ und 1975: „Licht aus der Grünen Hölle“ mit einer Auswahl seiner Briefe herausgegeben; die Mitbrüder in Südbrasilien baten um ein ähnliches Buch über ihre Arbeit; zur Sammlung des Materials musste ich 1978 nach Brasilien reisen. Da ich schon einmal dort war, besuchte ich auch den Acre, den ich nur durch die beeindruckenden Briefe des Bischofs kannte, was mir aber nicht genügte. Als ich auf einer Seelsorgereise mit Bischof Rüth die Wirklichkeit, die Verlassenheit und die Not der Menschen kennenlernte, war mein Entschluss gefasst: „Hier wird jetzt jemand gebraucht – diese Arbeit ist wichtiger als die wissenschaftliche Arbeit an mittelalterlichen Handschriften – schließe sie ab und gehe in die Mission nach Cruzeiro do Sul“. Ich bearbeitete die beiden Filme über die Arbeit der Mitbrüder in Südbrasilien und in der Grünen Hölle des Acre, bereitete meine kritische Edition der Concordantiae Caritatis des Abtes Ulrich von Lilienfeld vor und veröffentlichte 1978 noch das Missionstaschenbuch „Im blau-gelb-grünen Paradies - Die deutschen Spiritaner und ihre Werke im Süden Brasiliens.“ Ich reiste an jenem Tag ab, als ich das Visum erhielt – am 6.8.1979, zuerst zum Sprach- und Inkulturationskurs in Brasilia, von dort nach Cruzeiro do Sul, wo ich heute noch tätig bin.

Herausforderungen und besondere Ereignisse

Welchen Herausforderungen musstest Du Dich in Deinem über 42-jährigen Missionseinsatz stellen? Wie bist Du damit umgegangen?

Es war zunächst die Sprache, die andere Denk- und Lebensweise, die neuen Aufgaben der Leitung des Knabenseminars der Spiritaner, der Seelsorge unter den Indios, den Gummischneidern und dann den Siedlern aus Süd- und Mittelbrasilien, die ab 1982 zu uns kamen. Dazu waren die vielen oft gefährlichen und aufreibenden Seelsorgereisen mit dem Kanu, zu Fuß und mit den drei- und dann vierrädrigen Schlammmotorrädern auf oft unbeschreiblichen Schlammpisten und der Bau von Kapellen notwendig. Eine große Hilfe waren meine Seminaristen, die Laienkatecheten und die Ordensschwestern. Auch durfte ich in diesen Jahren folgende Dienste versehen: Religionsunterricht im Colegio Santa Teresinha der Dominikanerinnen und die Vorlesungen im Großen Seminar der Diözese, die Aufgaben eines Generalvikars und der Bau von Häusern für die Diözese, damit sie eine berechenbare Grundlage für ihre Aufgaben hatte und nicht nur von Spenden aus dem Ausland abhängig war.

Welche besonderen Ereignisse haben Deine Jahre als Ordensmann und Missionar geprägt? Warum waren sie bedeutend für Dich?

Die Besuche und Taufen bei den Indios, den Gummischneidern und Siedlern, ihre Dankbarkeit, meine körperliche Erschöpfung, die zahlreichen glücklich verlaufenen schweren Unfälle mit Kanus und Schlammmotorrädern, die Krankheiten, die ich ohne bleibende Schäden überstehen durfte – die Schutzengel in verschiedenster Menschengestalt waren immer im rechten Moment zur rechten Stelle – dankbar muss ich sein für so viele Freunde hier in Brasilien und in der Heimat. Sie haben mich immer begleitet, und ohne deren treue Hilfe hätte ich längst nicht alles verwirklichen können. Zum Glück konnte ich immer durch die Post und bei Heimatbesuchen den Kontakt aufrecht erhalten.

Engagement für die Mission und die Menschen

Du hast zwei Projekte – Jesuskind von Nazareth und Bauernhof der Hoffnung – ins Leben gerufen. Kannst Du beide Projekte kurz beschreiben?

Du nennst die beiden aktuellen Projekte, doch waren es im Laufe der Zeit wesentlich mehr: Armenapotheken im Urwald, die beiden zahn- und augenärztlichen Kliniken Santa Maria hier in Cruzeiro do Sul, die ich mithilfe von deutschen Ärzten und Studenten bis 2000 unterhalten konnte; damals verbot der brasilianische Staat die Einfuhr von Medikamenten und Hilfsgütern und erlaubte nicht mehr die Arbeit ausländischer Ärzte. – Von da an half ich beim Aufbau der Kinderpastoral für Kinder von 0 bis 6 Jahren und ihre Mütter. Im Moment werden ca. 8.000 Kinder und Familien betreut.

Als Unterprojekt und speziell für in irgendeiner Weise behinderte Kinder begannen wir am 1.Januar 2003 mit Mitarbeiterinnen der Kinderpastoral das Projekt Jesuskind von Nazareth, das inzwischen in eine eingetragene und staatlich anerkannte Stiftung überführt wurde, von einer Brasilianerin geleitet wird und mit den neun Mitarbeiterinnen 100 Kinder und ihre Familien in drei Landkreisen betreut. Diese Stiftung und die hervorragende Ausbildung der Mitarbeiterinnen wären undenkbar ohne die von Beginn an ständige fachliche Begleitung und Förderung unseres Freundes, des Kinderarztes Dr. Lothar Biskup, und seiner Frau Monika aus Neuss.

Anders ist die Geschichte der beiden Hoffnungshöfe „Dom Luis Herbst“ für Männer in Mâncio Lima und „Maria Madalena“ für Frauen in Cruzeiro do Sul verlaufen. Sie gehören zu den heute mehr als 170 weltweit verbreiteten Hoffnungshöfen der von Frei Hans Stapel in Guaratinguetá gegründeten und vom Rom anerkannten geistlichen „Familie der Hoffnung“. Begonnen hat alles mit einem Traum nach dem Streifschuss von Drogenhändlern an meinen Kopf am 21. Mai 1994 in Santa Teresa in Rio de Janeiro; der Traum ging dahin, dass er mir sagte, dass wir eine Einrichtung bräuchten, die den Drogenabhängigen einen Ausweg aus ihrer Lage zeigte. Ich gewann zwei Jahre später bei einem Quiz der Deutschen Welle eine Reise nach Deutschland, nahm an einem Kongress von „Kirche in Not“ in Augsburg teil, wo ich Frei Hans Stapel traf und seiner Erzählung lauschte – als ich nach hier zurückkam, erzählte ich Bischof Herbst, Sr. Maria da Paz und Pater Wilhelm Stader davon, und gemeinsam setzten wir den Traum in die Wirklichkeit um. Am 12. Dezember 2010 eröffneten wir den Hoffnungshof für die Männer und am 10. April 2018 als notwendige Ergänzung den Hoffnungshof für die Frauen. Im Hoffnungshof für Männer „Dom Luis Herbst“ in Mâncio Lima haben wir 26 Männer, während es im „Hoffnungshof Maria Magdalena“ hier in Cruzeiro do Sul sieben Frauen mit sechs Kindern gibt.

Welche Aufgaben übernimmst Du noch an Deinem Einsatzort?

Vor den Beschränkungen durch die Pandemie zelebrierte ich Messen in drei Kapellen in der Stadt und bei der geistlichen Gemeinschaft Shalom; weil wir aber augenblicklich keine öffentlichen Messen feiern können, gebe ich für alle, die sie nutzen wollen, Beichtgelegenheiten auf meinem Zimmer und nehme hier meine täglichen religiösen Programme im Radio der Diözese auf, feiere einmal in der Woche eine heilige Messe auf dem „Hoffnungshof Maria Magdalena“ und sonst in unserer Hauskapelle die tägliche und die beiden wöchentlichen Radiomessen, die über Livestream übertragen werden. Diese sind wegen der Pandemie umso wichtiger geworden. – Die Sozialwerke begleite ich weiterhin und bin Präsident der beiden Hoffnungshöfe, Ehrenpräsident des „Jesuskindes von Nazareth“ und Sekretär des Bischofs für die deutschsprachige Post.

Kraftquelle für den vielfältigen Einsatz

Was hat Dich in diesen 60 Jahren getragen und Dir Halt gegeben?

Das Wissen, dass Christus mich dafür gewählt und gesandt hat; wer mit IHM ist, ist bekanntlich niemals allein und auch bei den größten Schwierigkeiten nie verlassen. Wie würdest Du Deinen 60-jährigen Einsatz als Spiritanerpater zusammenfassen? Ich habe stets versucht, den Primizspruch „hier bin ich – sende mich“ möglichst gut zu erfüllen, damit ich dem Herrn, der mich gesandt hat, keine Schande mache. Dass wir Menschen bleiben mit unseren Vorzügen und auch Schwächen, ist mir immer bewusst gewesen, und so möchte ich auch jene um Verzeihung bitten, die ich ungewollt gekränkt habe.

Was ist Deine Lieblingsbibelstelle? Warum?

„Durch Christus, mit Christus, in Christus sei Dir, allmächtiger Gott, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Ehre und Verherrlichung von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ – Das ist zwar kein Bibelspruch, sondern aus der Messe genommen, die ich so unendlich oft feiern konnte, und dieser Satz fasst am besten alles zusammen, was mir wichtig ist und mich trägt.

Wenn Du jetzt auf Dein 60-jähriges missionarisches Leben und Wirken zurückblickst, was fällt Dir ein? Was würdest Du anders machen? Warum?

Eine schwer zu beantwortende Frage; denn ich habe versucht, immer das jeweils Notwendige möglichst gut zu machen; hinterher ist man immer schlauer und muss auch die ungewollten Fehler dem Herrn anvertrauen, damit er auch auf unseren krummen Linien gerade schreibt und zurechtrückt. Ich glaube nicht, dass ich viele Werke auf Sand gebaut habe, weil ich immer alles gut überlegt und den Rat guter Freunde eingeholt habe.

Ausblick

Was wünschst Du Dir und Deinen Mitbrüdern in Deutschland für die Zukunft?
Dass sie unserem Charisma treu bleiben; denn wir sollten doch dort arbeiten, wofür die Kirche sonst keine Arbeiter findet. Wenn wir das tun, sind wir für die Ärmsten da; ihnen sollen wir – wo auch immer – dienen, und wenn wir das tun, werden wir Spiritaner weiter existieren und Arbeit finden – denn „Arme habt ihr allezeit unter euch", sagte der Herr im Haus des Lazarus.


29.04.2021

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