Suche

Kein Mitleid - sondern Gerechtigkeit!

Nicht allein die Symptome mildern, sondern die Ursachen verändern.

Die Not vieler Menschen ist die Folge von Ungerechtigkeit.

Als Spiritaner engagieren wir uns für gerechtere Strukturen in der Welt.

Ein Jahr unterwegs mit Pater Franz Maria Paul Libermann – Teil 2

P. Libermann und die Glaubenskrise in Metz

Das Leben P. Libermanns war geprägt und begleitet von immer wieder neuen Krisen, durch die er sich – so schwer sie auch waren, niemals ganz entmutigen ließ. Er schöpfte Kraft und Vertrauen aus den Psalmworten: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (Ps 18,30).

Pater Franz Maria-Paul Libermann, CSSp

Pater Franz Maria-Paul Libermann, CSSp

Die Kindheit und frühe Jugend P. Libermanns war geprägt und überschattet vom Leben im jüdischen Ghetto in Zabern, von der strengen Erziehung durch seinen Vater und vom frühen Tod seiner so sehr geliebten Mutter. Aus diesem Schmerz erwuchs später in Jakob das starke Vertrauen auf die Fürsprache der Gottesmutter, das ihn in allen auch noch so schwierigen Lebenslagen begleitete, ihm Halt und Hoffnung verlieh.

Als Jakob 13 Jahre alt war, im April 1815, wurde er in der Feier des „Bar Mizwa“ (Feier des Erwachsen-werdens) in die jüdische Synagoge in Zabern aufgenommen. Zusammen mit seinem älteren Bruder Samson studierte er von nun an zu Hause, bei seinem Vater, den Talmud.

Im Sommer 1822 schickte Lazarus Libermann seinen Sohn Jakob an die jüdische Hochschule nach Metz, um ihm die akademische Laufbahn zu ermöglichen. Rabbi Libermann hatte die große Hoffnung, dass sein begabter jüngster Sohn einmal sein Nachfolger sein werde.

Die Professoren in Metz behandelten Jakob „mit verletzendem Stolz und kühler Herablassung“, wie er später selbst berichtete. Hinzu kam, dass er in der Schule seines Vaters in Zabern so gut ausgebildet worden war, dass ihm die Professoren in Metz nichts Neues beibringen konnten. Er langweilte sich über die Art und Weise des Unterrichts und be-gann, sich mit neuen Sprachen und anderen Wissenschaften zu beschäftigen. Sein Hori-zont begann sich zu weiten.

Über diese schwere Zeit und die Krisen in Metz berichtete P. Libermann 38 Jahre später seinem Freund, Regens Gamon (N.D. I., 1850, Nr. 61 ff.): „Ich war ungefähr 20 Jahre alt, als es Gott gefiel, das Werk meiner Bekehrung zu beginnen. Mein Vater … traf den Entschluss, mich nach Metz zu schicken, damit ich dort meine Studien beendete. … Hier beginnt für mich das barmherzige Walten der Vorsehung spürbar zu werden. Gott, der mich dem Irrtum entreißen wollte, in dem ich steckte, bereitete dort mein Herz, indem er mich Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten erfahren ließ, auf die ich nicht gefasst war. …

Bis dahin hatte ich in gutem Glauben und ohne an die Möglichkeit des Irrtums zu denken, im Judentum gelebt. Um diese Zeit aber verfiel ich in eine Art religiöse Gleichgültigkeit, die nach einigen Monaten einem vollständigen Glaubensmangel Platz machte“.

In dieser Stimmung ging das zweite Studienjahr Jakobs in Metz zu Ende. Und es traf ihn ein neuer Schicksalsschlag: Sein geliebter Bruder Samson war mit seiner Frau zum Chris-tentum übergetreten und hatte sich taufen lassen. Im Gespräch mit Regens Gamon sagt Libermann: „Ich schrieb diesen Schritt zunächst natürlichen Motiven zu. Ich dachte, er stehe bezüglich des jüdischen Glaubens an der gleichen Stelle wie ich; aber ich hielt ihm vor, durch seine Abschwörung meinen Eltern Kummer bereitet zu haben. Dennoch überwarf ich mich nicht mit ihm. Wir begannen einen regen Briefwechsel miteinander. Ich setzte den Anfang mit einem Brief, in dem ich ihm Vorwürfe machte wegen seines Schrittes und ihm meine Gedanken über die Wunder der Bibel darlegte. … Mein Bruder antwortete mir, er glaube stets an die Wunder der Bibel. Gott wirke heutzutage keine mehr, weil sie auch nicht mehr notwendig seien, da der Messias erschienen sei.“

In dieser Zeit des Haderns und Zweifelns gab ein Studienkamerad Jakob ein Buch, das er selbst nicht lesen konnte. Es war das Evangelium, übersetzt ins Hebräische. „Diese Lektüre machte mich sehr betroffen. Die zahlreichen Wunder, die Jesus Christus wirkte, stießen mich zurück!“ So sagt Libermann später. Die Glaubenszweifel und die Unsicherheiten nahmen zu.

Und es kam noch härter: Jakob Libermann erfährt, dass zwei andere seiner Brüder, die in Paris lebten, den christlichen Glauben angenommen hatten. Libermann berichtet Regens Gamon: „Durch diese Nachricht wurde ich bis auf den tiefsten Grund meiner Seele gerührt. Ich liebte meine Brüder sehr und litt bei dem Gedanken an die Vereinsamung, in welcher ich mich künftig mit meinem Vater befinden würde“. Libermann spricht hier von Vereinsamung, denn wer aus dem Judentum in eine andere Religion wechselt, gehört bei den orthodoxen Juden nicht mehr zur Familie.

Von da an (April 1826) war Jakob Libermann fest entschlossen, lieber nicht Rabbiner zu werden. Doch, wie es mit ihm weitergehen sollte, wusste er damals noch nicht.

Ich kann mich ganz gut in diese Gefühls- Gedanken- und Zweifelswelt Jakob Libermanns hineinversetzen und ich bin mir sicher, Ihnen, den Leserinnen und Lesern geht es ähnlich. Auch in unserem Leben gab und gibt es immer wieder Glaubens- und Lebenskrisen, Ereigpnisse und Situationen, durch die wir im Innersten erschüttert werden, die uns zweifeln und unsicher werden lassen. Es sind Situationen, in denen auch wir uns fragen: Wie wird es weitergehen? Mit der Kirche, mit der Schöpfung, mit dem friedlichen Zusammenleben der Menschen? Wie wird es weitergehen mit mir - nach der Corona-Pandemie?

Von P. Libermann können wir lernen, auch in solchen schweren Krisen nicht zu verzweifeln, den Mut und die Hoffnung nicht zu verlieren, sondern uns innerlich damit auseinan-der zu setzen und für uns persönlich und gemeinsam einen „Ausweg“, einen guten Weg in die Zukunft zu finden.

Vielleicht können die Worte P. Libermanns in einem Brief an seinen Bruder Samson auch unsere Worte sein: „Ich bin immer zufrieden, immer glücklich; mein Herz ist immer in vollkommener Ruhe, und nichts kann diesen Frieden stören“ (N.D. I, 149, 1828).

P. Michael Wegner CSSp.


08.02.2021

zurück...

facebook

powered by webEdition CMS