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Spiritaner in Haiti

Die Mehrzahl der Menschen in Haiti leben seit Jahrzehnten in großer Armut. Das schwere Erdbeben 2010 hat diese Situation nochmals verschärft.

Wir Spiritaner sind bereits seit langer Zeit in Haiti tätig. Mit materieller und seelsorglicher Hilfe versuchen wir die schlimmste Not der Menschen zu lindern.

Ein Jahr unterwegs mit Pater Franz Maria-Paul Libermann: Teil 9: Libermann und die Politik

Der Monat September ist ein „Super-Wahlmonat“. Neben der Bundestagswahl am 26.09. finden in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sowie am gleichen Tag die Landtagswahlen statt. Bereits am 12.09. werden in Niedersachsen die Kreistage, Stadt-und Gemeinderäte gewählt. Als Bürgerinnen und Bürger, vor allem auch als Christen, sind wir dazu aufgerufen, unsere Stimmen abzugeben und auf diese Weise „politisch aktiv“ zu werden, ja die Zukunft mitzugestalten. Doch genau das fällt vielen Zeitgenossen nicht leicht. Viele Menschen sind der Politik überdrüssig, sind enttäuscht, trauen den Parteien und ihren Kandidatinnen und Kandidaten nicht, sind unentschieden oder resignieren, „weil die da oben ja doch machen, was sie wollen“.

Pater Franz Maria-Paul Libermann, CSSp

Pater Franz Maria-Paul Libermann, CSSp

Die Dinge vom Standpunkt des Glaubens aus betrachten

P. Libermann beobachtete das politische Geschehen in Frankreich und in der Welt genau und kritisch, zumal es auch für den Fortbestand und die Weiterentwicklung des „Werkes für die Schwarzen“ und für die Arbeit seiner Missionare in den Kolonien von großer Bedeutung war. Nach der Februar-Revolution 1848, in der die Monarchie gestürzt wurde, nahm P. Libermann auf Anfrage Stellung dazu, was er von dieser Revolution halte. Dabei nahm er kein Blatt vor den Mund. Seine Worte klingen wie die des Propheten Amos, des „Propheten des Rechts und der Gerechtigkeit“, der das Verhalten des Königs Jerobeam und der Reichen seiner Zeit anprangerte.

Libermann schreibt: „Ich denke, dass es ein Akt der Gerechtigkeit ist, den Gott gegen die gefallene Dynastie ausgeübt hat, weil sie eher ihre eigene Etablierung als das Wohl des ihr anvertrauten Volkes gesucht hat, weil sie ihrer Etablierung die Interessen Gottes und der Kirche geopfert hat... Dieser Akt der Gerechtigkeit erreicht alle Herrscher Europas. Sie alle wollten sich durch ihren stolzen Anspruch über Gott erheben, sie alle behandelten die Kirche wie einen Sklaven, sie alle verschlimmerten auch die Übel der Völker. Auch der Autokrat von Russland wird zum Zug kommen. … Dieser Akt der göttlichen Gerechtigkeit trifft all unsere großen Politiker. Durch ihre List und ihren verfluchten Scharfsinn opferten sie Gott und das Menschengeschlecht ihrer eigenen Machtgier und verkauften Glaube und Moral um das Wohl des Volkes, das sie regierten; Gerechtigkeit und Menschlichkeit gab es in fast keiner Regierung, sobald ihre eigenen Interessen auf dem Spiel standen. … Betrachten wir all die Übel, die in der letzten Zeit gegen die Kirche, die Gerechtigkeit und die Wahrheit, in Frankreich, in England, in Österreich, in Russland, in Bayern, in Preußen angerichtet worden sind, so wundert man sich nicht im Geringsten, wenn man sieht, wie sich Gottes Rache bemerkbar zu machen beginnt ... Endlich ist die große und unbegreifliche göttliche Gerechtigkeit über das große Verbrechen der ganzen perversen Welt gekommen, die alles getan hat, um die Anbetung Gottes durch die des Goldes zu ersetzen; ihre Gottheit war das Geld, und ihre Religion war die zu den größten Exzessen getriebene Industrie. Frankreich und Europa waren verloren und korrumpiert durch die Liebe und Wertschätzung des Goldes. … Es ist die Hand Gottes, die zugeschlagen hat. Das Gebäude wurde abgerissen, aber wer wird es ersetzen? … Wenn die Republik so treu ist, wie die anderen Regierungen untreu waren, wird sie gedeihen; wenn sie untreu ist, wird sie fallen wie die anderen. … Doch wer wird das Volk davor bewahren, sich von Menschen mit bösen Leidenschaften oder von einem Geist der Parteilichkeit verführen zu lassen? Gott allein! Wird er es tun? Ich weiß es nicht. Wenn er in dem Umsturz, den er soeben herbeigeführt hat, einen Gedanken der Barmherzigkeit mit seiner göttlichen Gerechtigkeit vermischt hat, wird er das Volk vor dem Unheil bewahren. … Lasst uns also unser Haupt beugen, uns demütigen und seinem Willen gehorchen .... Sie mögen meine Sprache sehr eigenartig finden; ich versichere Ihnen jedoch, dass ich in Ruhe spreche und die Dinge vom Standpunkt des Glaubens aus betrachte, und ich versuche, mir die Sprache unseres Herrn selbst zu eigen zu machen.“[Brief an Regens Gamon vom 20.03.1848 (ND. X., 146-161, übersetz aus dem Französischen von P. Michel Huck].

Aufruf zur politischen Wachsamkeit und Mitverantwortung

Aus diesem Blickwinkel des Glaubens und der christlichen Verantwortung heraus mahnt P. Libermann zur politischen Wachsamkeit und Mitverantwortung. Er ruft den Klerus auf, an den Wahlen (zur Verfassungsgebenden Versammlung) teilzunehmen: „Sie fragen mich, ob der Klerus an den Wahlen teilnehmen sollte. Ich glaube auf jeden Fall, dass sie es Gott, der Kirche und Frankreich schuldig sind. … Wenn alle Priester in Frankreich dieser Pflicht nachkämen und ihren ganzen Einfluss geltend machten, um eine gute Wahl für die gesetzgebende Kammer der Republik herbeizuführen, hätten wir eine gute Verfassung und dann eine gute Form der exekutiven Regierung. Wie viel Gutes wird sich daraus ergeben! Wie viele Seelen werden durch die Folgen dieser Entscheidung gerettet werden! Ich verstehe gut, dass Wahlen kein kirchliches Werk sind, aber wir müssen uns daran erinnern, dass wir nicht mehr in der Vergangenheit leben. Das Übel des Klerus war in der letzten Zeit immer, dass er die Ideale der Vergangenheit festgehalten hat. Die Welt hat sich vorwärts bewegt, und der Feind ist mitgegangen; wir aber bleiben zurück! Wir müssen den Veränderungen folgen und dabei im Geist des Evangeliums bleiben und das Gute tun und das Böse bekämpfen. Wir müssen den Feind dort angreifen, wo er ist, und dürfen ihm nicht erlauben, sich zu stärken, indem wir ihn dort suchen, wo er nicht mehr ist. Sich an die alten Zeiten zu klammern und in den Gewohnheiten zu verharren, die damals vorherrschten, bedeutet, unsere Bemühungen zunichte zu machen, und der Feind wird sich in der neuen Ordnung verschanzen. Lasst uns also die neue Ordnung mit Freimut und Ein-fachheit annehmen und den Geist des Evangeliums in sie hineintragen. Dann werden wir die Welt heiligen, und die Welt wird uns folgen ... "[Brief an Regens Gamon vom 20.03.1848 (ND. X., 146-161, übersetz aus dem Französischen von P. Michel Huck].

Diese klaren und eindringlichen Worte P. Libermanns sollten auch uns bewegen und überzeugen, unsere politische Mitverantwortung ernst- und wahr zu nehmen, unsere Bedenken, unsere Zweifel und unser Misstrauen, also alle inneren Blockaden zu überwinden und bei den anstehenden Wahlen unsere Simmen abzugeben.


02.09.2021

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