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Notel

In der Notschlafstelle für obdachlose Drogenabhängige in Köln (NOTEL) erhalten die Gäste jede Nacht eine warme Mahlzeit, eine Dusche, die Möglichkeit, ihre Wäsche waschen zu lassen und ein Bett.

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10. Sonntag im Jahreskreis B: „Er ist von Sinnen“

Wenn ich nun das Sonntagsevangelium lese (Mk 3, 20-35), dann erkenne ich: Ich bin auch in guter Gesellschaft mit Jesus! Der kümmert und sorgt sich so sehr um die Menschen, dass er dabei sich und sein Wohl, seine Gesundheit vergisst, sie vielleicht sogar aufs Spiel setzt. Deshalb sagen seine Angehörigen: „Er ist von Sinnen!“ Die eigene Familie hat Jesus offenbar nicht verstanden.

„Du spinnst!“ Ich erinnere mich noch ganz genau an diese Worte meines Bruders, als ich ihm vor über 35 Jahre sagte, dass ich in die Ordensgemeinschaft der Spiritaner eintreten und Priester / Missionar werden möchte. „Du spinnst!“ – das war seine spontane Reaktion aus der Überraschung heraus, denn wir hatten ja eigentlich ganz andere Pläne. „Du spinnst!“ Ja, das hat mein Bruder damals zu mir gesagt. Aber damit hat er mich keineswegs für verrückt (geisteskrank) erklärt; er war einfach nur verblüfft und überrascht.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte habe ich erkannt, dass ich nicht der einzige „Spinner“ war und bin. Gott sei Dank gibt es davon zahlreiche; schauen wir nur auf das Beispiel so mancher Heiliger. Als „Spinner“ bin ich also in guter Gesellschaft.

Ich bin in guter Gesellschaft mit unseren Ordensgründern, besonders mit Pater Libermann. Den verstand seine Familie, besonders sein Vater auch nicht, als er „verrückt“ wurde und vom jüdischen zum christlichen Glauben konvertierte. Und das, obwohl sein Vater, als angesehener Rabbiner, ihm die beste Ausbildung ermöglichte und großes für und mit ihm vorhatte. Sein Weg war ein anderer, und den ist er mutig, aus voller Überzeugung, geleitet von der Kraft des Heiligen Geistes gegangen, trotz aller Mühen und Schwierigkei-ten, die sich ihm in den Weg stellten.

Jesus lässt sich nicht in die Rolle des vom Dämon Besessenen drängen!

Wenn ich nun das Sonntagsevangelium lese (Mk 3, 20-35), dann erkenne ich: Ich bin auch in guter Gesellschaft mit Jesus! Der kümmert und sorgt sich so sehr um die Menschen, dass er dabei sich und sein Wohl, seine Gesundheit vergisst, sie vielleicht sogar aufs Spiel setzt. Deshalb sagen seine Angehörigen: „Er ist von Sinnen!“ Die eigene Familie hat Jesus offenbar nicht verstanden. Sie konnten nicht akzeptieren, dass er seinen eigenen Weg ging, dass er sich dem himmlischen Vater verpflichtet fühlte und nicht den Familieninteressen. Solch ein Verhalten, das ist doch nicht normal! Da muss man ihn doch rausholen, ihn schützen vor sich selbst!

Die These der Familienangehörigen und Freunde: „Er ist von Sinnen“, wird durch die Schriftgelehrten noch verschärft. Sie machen Jesus den Vorwurf, er sei von Beelzebul besessen. Damit ist er abgestempelt: den muss und kann man nicht ernst nehmen, der ist psychisch krank!

Doch Jesus lässt sich nicht in die Rolle des Kranken, des vom Dämon Besessenen drängen. Er geht beharrlich und vertrauensvoll seinen Weg weiter, dem himmlischen Vater gehorsam, getreu seiner Sendung. Daran kann ihn weder die eigene Familie noch die Sippe der Schriftgelehrten hindern.

Wir alle sind eingeladen mit zu spinnen!

„Spinnen“ – „von Sinnen sein“, das ist nicht nur und nicht in erster Linie negativ zu bewerten. „Von Sinnen sein“, das heißt in Anlehnung an den griechischen Text: „in Ekstase“ sein, von einer Sache voll und ganz begeistert – beseelt – besessen zu sein. Diese Begeisterung zu leben, zu bezeugen, sie auf andere überspringen zu lassen, dazu gehört Überzeugung, dazu gehört Glaubensstärke, dazu gehört Mut. Dazu bedarf es der wirksamen und heilsamen Kraft des Heiligen Geistes, den wir alle in der Taufe empfangen haben und von dem Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens sagt: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn er hat mich gesalbt…“ (Lk 4, 18).

Wir alle sind gesalbt und gesandt, d. h. eingeladen mit zu spinnen, mit zu wirken an einer besseren Zukunft von Kirche und Gesellschaft. Wir alle sind eingeladen, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern auch und gerade in Zeiten der Corona-Pandemie den Mut und die Hoffnung nicht zu verlieren. Wir sind eingeladen, uns nicht beirren zu lassen und auch in schweren, in Krisenzeiten, die Gemeinschaft der Kirche nicht einfach zu verlassen und trotz aller Glaubenszweifel nicht zu verzweifeln. Denn auch und vielleicht gerade heute gilt mehr denn je: „Die Sache Jesu braucht Begeisterte („Spinner“); sein Geist sucht sie auch unter uns!“ Und er lässt uns nicht allein.

Pater Michael Wegner, CSSp


05.06.2021

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