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NOTEL

Im NOTEL,  der Notschlafstelle für Drogenabhängige, ist die kleine Kapelle spirituelles Zentrum für Mitarbeiter und Gäste.

Ziel ist nicht Bekehrung, sondern als Christen präsent zu sein und aufgrund des Glaubens Hoffnung zu vermitteln.

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„Ich bereite den Einzug in das gelobte Land vor“

Kardinal Dieudonné Nzapalainga, Erzbischof von Bangui, hat seine Spiritaner-Mitbrüder im Kloster Knechtsteden besucht. Seinen Bericht zur Lage in Zentralafrika hat Pater Samuel Mgbecheta, CSSp, aufgezeichnet.

Kardinal Dieudonné Nzapalainga, CSSp

Kardinal Dieudonné Nzapalainga, CSSp

Ich hatte mehrmals mit den Rebellen verhan- delt und nach einer zukunftsfähigeren Lösung gesucht. Es war wichtig, ihnen klar zu ma- chen, dass diese Lösung nicht mit Waffen gefunden werden konnte und dass sie daher ihre Waffen niederlegen mussten. Denn sie hatten damit Menschenrechte verletzt. Mein Ziel war es, den Menschen zu helfen, aus der Logik des Hasses, der Rache und Gegenrache sowie des Blutvergießens auszusteigen, damit das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen gelingen kann. Die Lage ist weiterhin gefährlich: Es gibt noch Unruhen. Zudem werden große Teile des Landes von Rebellen besetzt, und sie bedienen sich der reichen Rohstoffe wie Gold, Diamanten, Uran und Erdöl. Die Gier nach Macht und Reichtum spielt eine große Rolle in diesem Kampfgeschehen. Es gibt Menschen, die sich für die Macht interessieren, und sie haben tatsächlich die Macht übernommen. Es gibt einige, die gierig sind auf die Bodenschätze. Wenn ich umherreise, sehe ich einige Armeegeneräle, die Gebiete beschlagnahmt haben, in denen es Gold oder Diamanten gibt. Sie schicken Streitkräfte aus ihren Reihen hin, um die Grundstücke zu schützen. Nur sie dürfen nach den Bodenschätzen schürfen, sie verarbeiten und verkaufen. Diese Bodenschätze entgehen der Regierung. Die Rebellen benehmen sich wie Kriegsherren: Sie bestimmen über das Leben und den Tod für das Volk. Wenn ich das Land durchquere, sehe ich diese Situation. Mir ist es bewusst, dass dies höchst gefährlich ist; denn sie können mich erschießen. Aber mich beschützt der Herr. Ich bitte ihn stets, dass er mir beisteht und mir seine Weisheit verleiht, damit ich im Gespräch mit den Rebellen den richtigen Ton treffe und nur Worte spreche, die ans Herz gehen; Worte, die die Herzen und den Verstand der Menschen entwaffnen können, um Wut und Hass aus ihren Köpfen und ihrem Leben zu vertreiben.
Solange der Herr die Mitte, ja der Grundstein meines Lebens ist, solange werde ich Worte sprechen und Dinge tun, deren Auswirkungen unberechenbar sind, weil ihr Ursprung bei Gott liegt. Deshalb schöpfe ich unablässig meine Kraft aus ihm, sonst würde ich vor Angst zittern. Denn die Lage ist tatsächlich ernst. Die Rebellen bringen Menschen um. Doch von Gott gestärkt kann ich in dieser beängstigenden Situation die Botschaft Jesu von Liebe und Barmherzigkeit ohne Unterlass verkünden. Ja, der Herr gibt mir die Kraft, trotz Morddrohungen meinem Engagement für die Menschen treu zu bleiben.

Begegnung zwischen den Menschen

Mir scheint die Begegnung zwischen den Menschen als ein unabdingbarer Lösungsansatz für diese traurige Situation. Wenn sie einander fernbleiben, dann sieht man nur Masken und betrachtet den Anderen als einen Feind, den es gilt zu beschimpfen und zu vernichten. Aber wenn sich die Menschen einander annähern, dann besteht die Möglichkeit, dass die Masken fallen, und alte Feinde zu Brüdern und Schwestern werden; dann ist es wieder möglich, miteinander ins Gespräch zu kommen. Erst dann wird einer merken, dass er dem anderen gegenüber voreingenommen ist und dass alles, was er über ihn denkt, nicht unbedingt wahr ist. Dann muss er versuchen, diese Vorurteile abzubauen. Darum bemühe ich mich, eine Brücke zwischen den Menschen zu bauen, damit sie sich aufeinander zu bewegen, sich miteinander versöhnen und zusammenarbeiten können. Wenn dies nicht geschieht, bleiben die Probleme ungelöst; sie können sich im Laufe der Jahre vervielfachen, vom Vater zum Sohn. Und die Menschen werden in diesem Feind-Schema stecken bleiben. Doch möchte ich erreichen, dass sich ihre Wege kreuzen. Hierfür nehme ich eine führende Rolle ein: Trotz unsäglicher Gräueltaten, die ich in meinem Land erlebt habe, glaube ich weiter an das Gute in anderen Menschen. Sie sind für mich an erster Stelle Bruder, Schwester, Gottes Schöpfung. Darum suche ich ihre Nähe. Sie haben ein Gesicht. Ich möchte ihnen helfen, die Quelle der wahren Freude, der Güte und der Liebe zu entdecken. Hier ein kleines Beispiel um dies zu verdeutlichen: 2015 besuchte Papst Franziskus unser Land und kehrte dann zurück nach Rom. Danach nahm ich seinen Besuch zum Anlass, um Chris- ten zu ermutigen, die Begegnung mit ihren muslimischen Brüdern und Schwestern zu wagen. Ich sagte ihnen: „Der Papst hat seinen Sitz in Rom verlassen, um zu uns zu kommen, und er ging bis zu PK5 (le Point Kilomètre 5) in Bangui, einer mehrheitlich-muslimischen Gegend, um sich mit Muslimen zu treffen. Aber liebe Priester, Ordensleute und Christen, ihr wohnt nur einen Kilometer oder zehn Kilometer oder 100 Kilometer entfernt, doch ihr wagt es nicht, dorthin zu gehen. Ist das in Ordnung? Ich gebe euch einen Termin, in drei Tagen gehen wir dorthin, um unsere Brüder und Schwestern zu besuchen.“ Am besagten Tag folgten viele meiner Einladung. Wir marschierten und sangen fröhliche Lieder. Als wir näher kamen, konnten wir sehen, wie einige Leute herauskamen mit Waffen in ihren Händen, um uns scharf zu beobachten. Von Angst ergriffen, suchten viele Teilnehmer Schutz bei mir. Alle rannten auf mich zu. Ich sprach sie an und sagte ihnen: „Lassen wir nicht zu, dass Angst uns von unserem Ziel abbringt. Gehen wir also weiter!“ Und tatsächlich kamen wir dort an und sahen diese jungen Leute mit Waffen. Einige von ihnen waren verärgert und gehetzt, aber ich erklärte ihnen den Sinn unseres Besuches: Dass ich als ein Mann Gottes gekommen sei, um ihnen zuzuhören und mit ihnen in einen Dialog zu treten. Wir trafen Menschen, die durstig sind nach Halt und Orientierung im Leben.
Nach dieser Begegnung machten wir uns auf den Weg nach Hause. Während wir noch unterwegs waren, fragte mich der Imam, ob es möglich sei, einen der großen Rebellenführer zu treffen. Ich sagte ja, es ist meine Mission. Er rief ihn an und sagte ihm, dass der Erzbischof ihn gerne treffen würde. Der Mann war damit einverstanden, und ein Raum wurde für das Treffen vorbereitet. Als wir ankamen, saß der Anführer der Rebellen dort mit einer Menge Waffen um sich herum. Ich setzte mich hin, aber die anderen – die Journalisten und andere Menschen, die mich begleiteten – zogen sich zurück, sobald sie ihn mit Waffen sahen, weil sie Angst hatten. Ich blieb in der Mitte. Dann begrüßte ich ihn freundlich. Ich konnte sehen, dass er verkrampft war. Ich fragte ihn: „Warum lächelst du nicht, du bist ein junger Mann? Ich glaube, dass du dich ändern und etwas Gutes tun kannst. Wir verurteilen dein schlechtes Verhalten. Ändere dein Leben! Gott liebt dich und wir lieben dich auch. Ich bin zu dir gekommen, weil ich überzeugt bin, dass Gott einen Plan für dich hat, wenn du deine Waffen niederlegst." Die ganze Zeit hatte er gut zugehört. Als ich fertig war, stand er auf und ging hinaus. Auf dem Weg nach draußen rief er seine Männer und unterhielt sich mit ihnen. Dann rief er mich zu sich und stellte mir einen Mann vor. Er sagte:
„Wir hatten diesen Mann verhaftet. Wir haben vor, ihn zu töten. Aber da Sie zu uns gekommen sind, um nach einer friedlichen Lösung zu suchen, lassen wir ihn frei. Sie können ihn mitnehmen." Das zeigt: Der friedliche Marsch hat das Leben dieses Mannes gerettet. Er hat dazu beigetragen, dass Masken enthüllt und Barrieren niedergerissen wurden. Er hat den Marschteilnehmern gezeigt, dass hinter den Barrieren auch Männer und Frauen sind, denen die menschliche Nähe und Zuneigung fehlen.

Begegnung: Kardinal Nzapalainga ist es wichtig, den Menschen zu begegnen und ihnen Mut zuzusprechen.

Begegnung: Kardinal Nzapalainga ist es wichtig, den Menschen zu begegnen und ihnen Mut zuzusprechen.

Dienst an der Seite der Menschen

Letztendlich verstehe ich meinen Hirtendienst als „Dienst an der Seite der Menschen“. Damit will ich sagen, dass wir nicht einen unnahbaren Gott haben. Nein, unser Gott heißt Emmanuel, Gott-mit-uns. In Jesus Christus ist Gott uns nahegekommen. Und wenn Gott, unser Schöpfer, einer von uns geworden ist, dann muss ich meinen Mitmenschen nahe sein. Ich darf nicht in meinem Büro in Bangui sitzenbleiben. Ich muss mein Büro verlassen, um meinen Brüdern und Schwestern zu begegnen, ja, um den Duft meiner Schafe zu riechen, wie Papst Franziskus es schön sagt. Es geht darum, dass ich mich auf den Weg mache, um den Menschen zu begegnen, wo sie sind. So lerne ich auch ihre unterschiedlichen Situationen kennen und kann mich damit auseinandersetzen. Das ist der Weg einer Kirche, die den Menschen nahe sein will. Und Jesus Christus hat uns im Matthäusevangelium seine Nähe versprochen: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Zeit“ (Mt 28,20). Er ist bei uns. Ich habe immer von einer Kirche geträumt, die den Menschen nahe ist. Deshalb möchte ich, dass meine Seelsorger – wenn die Pfarrkirche weit entfernt ist – sich darum bemühen, den Christen nahe zu sein. Ich selbst tue es. Ich gehe gerne und oft zu den Pfarreien am Stadtrand. Aufgrund der Entfernung und wegen der Rebellen ist es für die Gläubigen schwierig, zu mir zu kommen. Für mich steckt dahinter eine spiritanische missionarische Herausforderung: Die Spiritanermissionare übernehmen gerne Aufgaben, für die die Kirche nur schwer Mitarbeiter findet. Dort, wo es schwierig ist, gehe ich hin, um mich mit den Menschen zu treffen. In letzter Zeit war ich im ganzen Land unterwegs, und ich nutzte die Gelegenheit, um die Christen in manchen gefährlichen Gegenden zu besuchen. Natürlich hatte ich das vorher mit dem Ortsbischof abgesprochen. Mir ist es aber wichtig, diesen Menschen zu begegnen und ihnen Mut zuzusprechen. Trotz der schwierigen Umstände haben auch sie das Recht darauf, die Sakramente zu empfangen. Darum bitte ich meine Priester, die Nähe zu ihren Pfarrangehörigen zu suchen.

Seid eure eigenen Missionare

Mir stehen weniger als 40 Priester zur Verfügung. Das ist nicht viel. Jedoch kommt es nicht auf die Zahl an, sondern vielmehr auf die Qualität. Seit Beginn meines Amtes habe ich viel Wert darauf gelegt, meine Priester in einer Gemeinschaft zu versammeln, die die christliche Solidarität lebt. Ich bin dabei, meine Diözese zu einer „missionarischen Diözese“ zu machen. Denn die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch. Deshalb bereite ich meine Priester schon darauf vor, und ich rufe es stets in ihr Bewusstsein, dass sie Missionare sind. Im Augenblick sind wir dabei, unseren „missionarischen Referenzrahmen“ zu entwerfen. Darin werden wir eine Antwort auf folgende Fragen geben: „Wer sind wir? Was macht die Identität des Priesters in der Zentralafrikanischen Republik aus? Mit welchen Aufgaben kann er beauftragt werden? Was sagt uns das Wort Gottes? Was sagt uns die Tradition der Kirche?“ Meine Erwartung ist, dass alle Priester meiner Diözese diese Fragen beantworten. Am Ende des Prozesses werden alle Ergebnisse ausgewertet, bearbeitet und zusammengefasst werden. Daraus soll ein Dokument entstehen, das uns als Vademekum, als Leitfaden dienen wird. Denn ich will meine Priester nicht der Gefahr eines egoistischen Lebensstils und der Einsamkeit aussetzen. Vielmehr will ich eine brüderliche Gemeinschaft von Priestern bilden, die es meinen Priestern ermöglicht, die Frohe Botschaft Jesu glaubwürdig zu leben und verkünden. Trotz mangelnden Personals versuche ich solidarisch zu helfen, dort, wo gerade die Not am größten ist. Zurzeit arbeiten Priester aus meinem Bistum in Kap Verde, Südkorea und Frankreich. Und ich habe je zwei Seminaristen nach Angola, Ghana und Südkorea geschickt. Nach ihrer priesterlichen Ausbildung werden sie einige Jahre dort arbeiten, um pastoralmissionarische Erfahrungen zu sammeln. Innerhalb des Landes sind auch einige meiner Priester in den Bistümern wie Alindao, Bossangoa und Mbaïki seelsorglich tätig. Ich versuche eine Antwort zu geben auf den prophetischen Aufruf von Papst Paul VI. an die Afrikaner im Juli 1969 in Kampala: „Ihr Afrikaner, seid nunmehr eure eigenen Missionare“. Es gibt aber auch Priester aus anderen Län- dern, die in meiner Diözese arbeiten. Sie kommen aus Benin, Kamerun und Südkorea. Im Großen und Ganzen gibt es Anzeichen dafür, dass eine bessere Zukunft möglich ist. Als Christen haben wir eine lebendige Hoffnung. Selbst wenn der Eindruck entsteht, dass alles aus ist, gerade in dieser Situation sagt die christliche Hoffnung, dass nicht alles vorbei ist. Auch wenn die Nacht noch so lang ist, wissen wir, dass der Tag anbrechen wird; der neue Tag steht am Horizont. Und ich muss die Menschen für diesen neuen Aufbruch motivieren und vorbereiten. Selbst wenn ich, wie Mose, das gelobte Land nicht betreten werde, werden die anderen dort einziehen. Ich bereite den Einzug in das gelobte Land vor.


25.10.2020

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