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Bildung für Kinder in Afrika

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Daher engagieren wir uns in Bildungsprojekten in Afrika und anderen Ländern der sogenannten "Dritten Welt".

„Als Arzt fühlte ich sofort, dass ich helfen muss!“

„Vielleicht kann diese Gesundheitskrise, wie wir sie uns vorher nicht einmal vorstellen konnten, uns lehren, was alle Menschen wirklich eint: Jenseits von Herkunft, Kultur, Religion oder sozialer Klasse gibt es eine Verwundbarkeit, die in unserem Erbgut grundgelegt ist“, meint der Spiritanerbruder Marc Tyrant, der auch Arzt ist. Im Interview mit Pater Samuel Mgbecheta CSSp gewährt er Einblick in sein Engagement als Arzt während der Corona-Krise.

Ordensbruder und Arzt: Der Spiritanerbruder Marc Tyrant erklärte nach Ausbruch der Covid-19-Pandemie sofort seine Bereitschaft, als Arzt in den sozialen Brennpunkten im Großraum Paris zu helfen

Ordensbruder und Arzt: Der Spiritanerbruder Marc Tyrant erklärte nach Ausbruch der Covid-19-Pandemie sofort seine Bereitschaft, als Arzt in den sozialen Brennpunkten im Großraum Paris zu helfen.

Seit zwei Monaten bist Du nun in Frankreich wegen der COVID-19- Epidemie. Wie kam es dazu?

Ja, als die Epidemie in Asien ausbrach und im Anschluss viele Länder der Erde überschwemmt hat, waren wir alle überrascht von der Geschwindigkeit, vom Umfang und von der Heftigkeit dieser Epidemie. So etwas hatten wir bis dahin noch nicht erlebt.

Schnell war man sich klar darüber, dass unsere üblichen Behandlungsmethoden nicht ausreichten und besonders, dass unsere Gesundheitssysteme, selbst die modernsten, schnell an ihre Grenzen kommen würden. Als Arzt fühlte ich sofort, dass ich helfen muss. Da ich Mitglied einer Ärzteorganisation in Frankreich bin und zudem auch rechtmäßig praktizieren darf, war es das einfachste, mich dieser Organisation zur Verfügung zu stellen, und zwar in Frankreich, genauer im Bereich des Großraumes Paris. Der Generalobere und sein ganzes Team haben mich bei diesem Gedanken unterstützt und mich ermutigt, dem Ruf zu folgen. Bleibt zu erwähnen, dass ich meine Arbeit als Mitglied des Generalrates im Homeoffice weiter begleiten kann.

Kannst Du etwas von Deiner Arbeit berichten?

Normalerweise hat unsere Organisation zwei Arten von Aktivitäten im Großraum von Paris. Zum einen in den sogenannten Sozialen Zentren, wo wir „schnelle Hilfe“, aber ganz besonders Orientierungen anbieten, wohin man sich wenden kann, um die richtige Behandlung zu bekommen; und wie man Zugang zu den sozialen Ämtern erhält für alle sozialen und rechtlichen Belange. Diese Arbeit gilt in erster Linie den Menschen, die auf die eine oder andere Weise von der Gesellschaft ausgeschlossen sind, Menschen, die auf der Straße leben, Exilanten und Asylsuchende, Prostituierte oder Drogenabhängige. Und dann der ärztliche Dienst, der des „Hingehens“: Arztbesuche in den Häusern; medizinische Hilfsangebote auf der Straße, in den Elendsbehausungen und Slums der Vororte von Paris. In normalen Zeiten kommen täglich unzählige Menschen in unsere Zentren. Doch die rechtlichen Vorschriften für Quarantäne und den Mindesabstand sind sehr streng, und man kann sie diesen Menschen unmöglich beibringen. Dadurch wird das Risiko der Ansteckung sehr groß.

So haben wir einen anderen Schwerpunkt für unsere Arbeit entwickelt, um die Verwundbaren ohne Wohnung und schlecht Untergebrachten versorgen zu können: Wir gehen einfach auf die Straße, besuchen tagsüber die Migranten, die in Zeltlagern hausen oder auf den Gehwegen liegen; und nachts versuchen wir bei den Prostituierten und Drogenabhängigen zu sein. Auch haben wir mobile Kliniken für die Bedürftigen in den Vorstädten von Paris. Mehrheitlich arbeiten wir zusammen mit anderen NGOs, die zusätzliche Dienste anbieten wie Essen, fahrbare Hygienemöglichkeiten und natürlich die Tafeln.

Für den medizinischen Bereich bilden wir Teams mit verschiedenen Fachkompetenzen: Gesundheit, Sozialdienst, Übersetzung usw., um die Menschen, denen wir begegnen, über die Epidemie zu informieren. Darüber hinaus versuchen wir uns um ihre Fragen und Sorgen zu kümmern. Natürlich versuchen wir auch vom Corona-Virus Befallene zu identifizieren und ihnen die notwendige Hilfe zukommen zu lassen. Wir behandeln chronisch Kranke und solche, die keinen Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem haben: Infektionskrankheiten, Traumata; auch begleiten wir schwangere Frauen.

Parallel dazu entwickeln wir eine Art Lobbyarbeit bei Entscheidungsträgern, öffentlichen Ämtern und lokalen Gemeinwesen Denn es ist wichtig, dass alle begreifen, dass die Sorge für die Ärmsten die Verantwortung und die Pflicht der ganzen Gesellschaft ist und nicht nur als ein „Hobby“ der karitativen Organisationen gesehen werden darf. Und wir haben schon einige kleine Erfolge verzeichnet: Bereitstellung von gesundem Wasser, Unterbringung von Wohnungslosen und Regelung von Wohnsituationen.

Und was beobachtest Du, wenn Du unterwegs bist?

Ich bin außerordentlich beeindruckt vom Umfang der Probleme in dieser Krisenzeit. Ich muss gestehen, dass ich nicht wusste, wie viele Notunterkünfte und Elendsviertel es in und um Paris gibt. Schlimmer noch: Ich habe es nicht gesehen! Wenn wir diesen Menschen auf der Straße begegnen, dann sehen wir sie zwar, löschen sie aber sofort wieder aus unserem Bewusstsein aus.

All diese Menschen bilden das große Heer der „Vergessenen der Quarantäne“; ihre Verletzbarkeit ist in dieser Zeit um ein Vielfaches gestiegen. Zum Beispiel: Wie soll man sich durch soziale Distanz und Hygiene vor der Ansteckung des Virus schützen, wenn man in überbevölkerten und schmutzigen Elendsvierteln und Notunterkünften lebt? Wie einen Termin beim Arzt wahrnehmen, wie chronische Krankheiten behandeln lassen? Wie ganz normale und notwendige Behandlungen erhalten, wenn die Krankenhäu ser aus den Nähten platzen? Wie die eigene Situation rechtlich in Ordnung bringen, wenn die Behörden im Homeoffice arbeiten? Wie das magere Einkommen sichern (durch Gelegenheitsarbeit oder durch Betteln) wenn man Ausgangsverbot hat? Wie kann man kleine Wunden, Knochenbrüche oder Infektionen behandeln lassen, wenn man auf der Straße lebt, wenn man dazu noch die im Milieu übliche Gewalt erfährt und von der Polizei belästigt wird, die einem sogar noch das Zelt niederreißt?

Man muss sagen: Die Covid-19-Epidemie und ihre Folgen führt zu einer allgemeinen Verschlechterung der Gesundheitssituation dieser Menschen, die schon vorher äußerst prekär war. Diese Notsituation weitet sich aus und erreicht jetzt schon neue Bevölkerungsschichten. Das kann man leicht an den immer größer werdenden Schlangen sehen, die sich vor den Tafeln bilden.

Unter diesen Bedingungen sind NGOs und andere karitative Organisationen buchstäblich an die menschlichen Grenzsituationen gefesselt, und es ist überaus normal, dass ein Spiritaner-Mitbruder seinen Platz in diesem Kampf an der Peripherie findet.

Welche Eindrücke und Reflexionen sind bleibend für Dich?

Es sind Erinnerungen an sehr intensive emotionale Begegnungen! Kleine Inseln von Menschlichkeit inmitten von Gewalt auf der Straße und Zusammengepferchtsein in den Elendswohnungen. Es ist unmöglich, die ganze Komplexität und den Reichtum menschlichen Lebens zu erfassen, doch man kann einige Momente der Einfachheit und Wahrhaftigkeit teilen, wenn man sich um diese Menschen kümmert. Einfach zuhören, obwohl man weiß, dass man nichts ändern kann. Das ist die ganze Schönheit der Arbeit eines Arztes, und ich spüre die Freude an meiner Berufung. Ich habe den Eindruck, mich wiedergefunden zu haben. Man erhält sehr häufig und manchmal unverhofft eine Überfülle von Dank! Man muss es sich ehrlicherweise eingestehen: Jeder von uns braucht diese Momente der Anerkennung, die unserem Tun Sinn geben.

Allerdings: Eine Verwundbarkeit wird geteilt! Auf den Straßen oder in den Elendsvierteln, wie in den Notaufnahmen der Krankenhäuser: Der Behandelnde und der Behandelte, beide sind dem gleichen Virus ausgesetzt, und ihre Begegnung ist sehr häufig hochriskant – für den einen wie für den anderen. Vielleicht kann diese Gesundheitskrise, wie wir sie uns vorher nicht einmal vorstellen konnten, uns lehren, was alle Menschen wirklich eint: Jenseits von Herkunft, Kultur, Religion oder sozialer Klasse gibt es eine Verwundbarkeit, die in unserem Erbgut grundgelegt ist. Das ist eine Herausforderung für unsere Selbstgenügsamkeit.

Eine Frage bleibt mir: Was wird nach der Krise geschehen? Einige erwarten zweifelsfrei ein „Zurück zur Normalität“. Doch hört man immer mehr Stimmen, die zu einer Revolution des Geistes auffordern: Was ist normal? Die Menschen, mit denen ich in diesen Tagen zusammen bin, werden vielleicht in ihr „Leben davor“ zurückkehren, aber das wird eine Rückkehr in ein Leben unter Bedingungen sein, die nicht „normal“, auch nicht annehmbar sind. Das muss für uns ein Hinweis sein: Die Art, wie wir unsere Erde behandelt haben, war nicht normal. Die Art, wie wir unsere Gesellschaften organisiert haben, war nicht normal. Der Wettlauf des unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums war nicht normal. Die Art, wie wir diese Schwächsten unter uns behandelt haben, war nicht normal und schon gar nicht hinnehmbar. Diese Krise könnte ein Weckruf sein.

In diesen Tagen muss ich des Öfteren an den Gründer der Spiritaner, Jean Claude Poullart des Places, denken. Vor mehr als 300 Jahren war es die konkrete Begegnung mit den Armen in den Straßen dieser gleichen Stadt Paris – eine gewaltsame Offenbarung – die seine zweite Bekehrung bewirkt und ihn dazu geführt hat, arme Studenten um sich zu scharen, die ihr Leben dem Dienst an den Armen weihen wollten. Ich wünsche, dass die Begegnung mit den Armen von heute in den menschlichen Grenzsituationen und an den Peripherien der Krise, die wir erleben, die Spiritaner zu einer neuen Entdeckung ihrer Berufung führen möge.


30.09.2020

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