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Missionarin auf Zeit

Im Projekt "MissionarIn auf Zeit" (MaZ) bietet jungen Menschen die Möglichkeit in einem zeitlich befristeten Aufenthalt mit einer religiös geprägten Lebensgemeinschaft Erfahrungen in einer anderen Kultur zu machen.

Der Aufenthalt kann als Freiwilligendienst im Ausland angerechnet werden.

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Erdöl ist der Treibstoff für den Krieg

Ein Hoffnungsschimmer blitzte auf, als der Südsudan am 9. Juli 2011 unabhängig wurde. Leider hielt dieser Zustand nicht lange an, denn im Dezember 2013 brach ein neuer Bürgerkrieg aus. In diesem Bericht schildert der irische Spiritanermissionar, Pater John Skinnader, die Lage im Südsudan und was die Kirche vor Ort tut.

Pater John Skinnader besucht ein Armenwohnviertel in der Diözese Rumbek.

Pater John Skinnader besucht ein Armenwohnviertel in der Diözese Rumbek.

Dies scheint der normale Trend zu sein: Wenn ein Land unabhängig wird, entsteht sehr oft ein Kampf darüber, welche Volksgruppe die Macht und die Kontrolle über die Ressourcen übernimmt. In meinem eigenen Land, in Irland, gab es, als wir 1922 unabhängig wurden, für viele Jahre einen Bürgerkrieg um die Kontrolle über das Land. Dasselbe trifft für viele Länder der Erde wie zum Beispiel Jugoslawien, Nigeria-Biafra und Angola zu.

Im Südsudan ist es im Wesentlichen ein Krieg zwischen den Dinka und den Nuer, den zwei größten ethnischen Gruppen im Land. Beide Volksgruppen haben einflussreiche Führer. Einer ist der Präsident des Landes, Sala Kiir Mayardit. Riek Machar vom Stam der Nuer war der Vizepräsident, bis der Bürgerkrieg begann. Beide sind entschlossen, die Macht zu erhalten, was es auch koste. Während des Krieges gegen den muslimischen Norden kämpften diese beiden Gruppen gemeinsam um die Unabhängigkeit des Südens. Aber nach der Unabhängigkeitzeigte sich die Spaltung wieder. Der Bürgerkrieg dauert an, obwohl mehrere Friedensabkommen seit 2013 unterzeichnet wurden.

Südsudan hat Erdöl, und das ist auch einer der Gründe für den Bürgerkrieg. Es geht darum, wer die Bodenschätze des Landes kontrollieren soll. Die Nuer verfügen über die Ölquellen. Die Dinka, die größte Bevölkerungsgruppe, sitzen dagegen in der Regierung und nutzen die Einnahmen aus den Bodenschätzen dazu, nur ihr Gebiet zu entwickeln, ohne etwas für die Menschen zu tun, in deren Gebiet die Ölquellen liegen. Zu den Dinka gehören rund 4,6 Millionen Bürger. Sie leben von der Viehhaltung. Seit der Unabhängigkeit des Landes besitzen sie die Regierungsgewalt.

Heute ist knapp die Hälfte der Bevölkerung auf Hilfe angewiesen. Fast 400 000 Menschen sind im Krieg ums Leben gekommen. Es herrscht nach wie vor eine Hungersnot: Die Hälfte der Bevölkerung hat nicht genug zu essen.

Grundschüler holen ihr Mittagessen ab. Lebensmittel sind Mangelware im Südsudan.

Grundschüler holen ihr Mittagessen ab. Lebensmittel sind Mangelware im Südsudan. verteilt Lebensmittel unter den Bewohnern in Wulu.

Unter den Ärmsten der Armen

Mitten in diesem vom Krieg zerstörten Land arbeiten wir Spiritaner. Der kenianische Spiritanerpater Peter Kiarie kam am 31. Mai 2012 in den Südsudan. Am 2. November desselben Jahres schlossen sich ihm Pater Nolasco Mushi aus Tansania und ich, Pater John Skinnader aus Irland, an. Später kam Bonifatius Isenge, ein weiterer Mitbruder aus Kenia, hinzu. So sind wir zu viert. Wir leben mitten im Südsudan, in der Diözese Rumbek. Unser Auftrag ist die Pastoral und die Entwicklungsarbeit. Wir wollen den Menschen helfen, in ihrem Glauben zu wachsen und ihren Lebensstandard zu verbessern. Besonders wichtig ist uns die Bildungsarbeit.

Wir versuchen, die drei Gemeinden aufzubauen, die uns übertragen wurden. Pater Peter ist Pfarrer im Stamm der Jur Bel in Rumbek- Wulu, dessen Angehörige ursprünglich im Wald als Jäger und Sammler lebten. Er arbeitet viel mit Frauengruppen, um ihnen neue Formen von Ackerbau beizubringen. Er hat auch einen neuen Kindergarten gebaut. Pater Bonifatius hat eine neue Pfarrei in Thun Aduel eröffnet. Dort leben die Dinka, der stärkste Stamm im Südsudan. Er hat ein wunderbares Pfarrhaus gebaut, eine Grundschule errichtet und jetzt begonnen, eine neue Kirche zu bauen. Pater Nolasco und ich wurden von der Diözese gebeten, in der Stadt Rumbek eine neue Pfarrei zu gründen. In Rumbek war das Hauptquartier der Rebellengruppe „Sudanesische Volksbefreiungsarmee“, „Sudan People's Liberation Army“ (SPLA), die für die Unabhängigkeit vom muslimisch-arabischen Nordsudan kämpfte. Zur Zeit renovieren wir ein altes Pfarrhaus, um darin zu wohnen, und wir planen eine Grundschule.

Die Bildungsarbeit hat sehr gelitten unter den Stammesfehden und dem Bürgerkrieg, der mehr als 50 Jahre gedauert hat. Schulprogramme wurden unterbrochen, weil Familien vor den Konflikten flohen. Viele Jugendliche und Erwachsene waren von der Ausbildung ausgeschlossen. Der Bildungsstand ist deshalb sehr niedrig. Nur 29 Prozent der Menschen ab sechs Jahren können lesen und schreiben. 71 Prozent der Menschen haben nie eine Schule besucht. Das hat dazu geführt, dass 91 Prozent der Bevölkerung keinerlei Qualifikation haben. Fünf Prozent haben einen Grundschulabschluss und nur vier Prozent haben ein Abitur oder einen Hochschulabschluss. Viele Lehrer haben selbst nicht die Grundschule beendet. Deshalb sind Bildung und Erziehung oberste Priorität für uns Spiritaner. Wir legen besonderen Wert auf die Früherziehung und die Grundschulen. Jedoch müssen wir uns einigen Herausforderungen stellen: etwa der begrenzten Zahl qualifizierter Lehrkräfte und ungenügender Klassenräume. Das Lernen findet in Behelfsräumen oder unter Bäumen statt, weil die Schulen die große Zahl zurückkehrender Flüchtlinge nicht aufnehmen können. Es werden Lehrpläne aus Uganda, Kenia oder dem Sudan verwendet. Der Mangel an Ordensschwestern in unseren Gemeinden, die Kindergarten oder Weiterbildungprojekte für Frauen leiten könnten, ist ein großes Hindernis.

Ferienjob

Ferienjob: Die Schülerinnen der Loreto-Mädchenschule bei der Herstellung von Betonblocksteinen für ein neues Klassenzimmer. Aus Angst vor Angriffen auf der Fahrt in die Heimat verbringen diese Schülerinnen die Ferien in der Schule. Sie verdienen sich ein wenig Geld, um so Schulgebühren zu zahlen.

Entwicklungshilfe benötigt

Hauptsächlich wird unsere Arbeit weiterhin Erstevangelisation, Erziehung und Entwicklungshilfe sein. Denn trotz der Unabhängigkeit bleibt das Land politisch instabil. Die Unsicherheit ist immer noch ein großes Problem, und nur wenige Orden sind gewillt, sich den missionarischen Herausforderungen hier zu stellen.

Erhebungen zeigen, dass 51Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben.Der Südsudan ist ein Land, das sehr viel Hilfe für Entwicklung benötigt.Es ist ein langsam wachsendes Land. Es wird Jahre dauern, bis man ein wirkliches ökonomisches Wachstum sehen kann. Die größten Herausforderungen sind die fehlende Infrastruktur, ausgebildete Arbeiter, eine starke Abhängigkeit von den Öleinnahmen und die Korruption. Die Präsenz der Spiritaner in diesem Land ist daher von großer Bedeutung und entspricht unserem Charisma: zu denen zu gehen, deren Nöte am größten sind.

Die Kirche ist die einzige funktionierende Institution in diesem Land. Andere, wie Schulwesen, Regierung oder Gesundheitswesen, funktionieren teilweise, während das Bankenwesen beinahe völlig zusammengebrochen ist. Die Kirche bietet überall ihre pastorale Hilfe an, auch in den schlimmsten Kriegsgebieten. Das hilft, dass die Menschen ihre Hoffnung nicht verlieren. Auch wird so der Boden dafür bereitet, dass die verschiedenen Stämme eine gemeinsame Basis finden. In den Knabenseminaren leben bereits die Studenten der Volksgruppen ohne größere Probleme zusammen. Durch die Verkündigung und die Aktivitäten sorgen Priester und Ordensschwestern dafür, dass die Menschen in Harmonie zusammenleben. Zudem ist die Kirche überall der größte Lebensmittelverteiler.

Auch wir Spiritaner verteilen Nahrungsmittel und ermuntern die Leute, selbst Nahrungsmittel anzubauen. Eine der großen Herausforderungen ist es, dass wir als eine missionarische Gruppe nicht finanziell selbständig sind. Infolge des Zusammenbruchs der Wirtschaft ist die Staatswährung nichts wert und hat keine Kaufkraft. Wir können also von den Kollekten in den Pfarreien nicht leben. Wir sind abhängig von Hilfe von Außen. Um unsere Einnahmen zu erhöhen, wollen wir Computerschulen und Kornmühlen errichten. Der Zugang zum Internet ist begrenzt und teuer. Jeden Monat zahlen wir ungefähr 300 Euro. Wir wollen Zentren errichten, um diese Kosten mit anderen zu teilen.

Im Moment sind es die Männer mit Gewehren, die den Südsudan regieren. Diese Gewehre müssen weg aus der Gesellschaft. Das Militär, das die Unabhängigkeit für den Südsudan erkämpft hat, kontrolliert immer noch das Land. Erst wenn die Militärs bereit sind, die Macht an Diplomaten und Ökonome zu übergeben, kann Stabilität entstehen. Auch muss natürlich eine Gleichheit zwischen den Stämmen herrschen. Die Dinka müssen ihre Tendenz, überall in Südsudan zu dominieren, überwinden.


08.05.2019

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