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Missionarin auf Zeit

Im Projekt "MissionarIn auf Zeit" (MaZ) bietet jungen Menschen die Möglichkeit in einem zeitlich befristeten Aufenthalt mit einer religiös geprägten Lebensgemeinschaft Erfahrungen in einer anderen Kultur zu machen.

Der Aufenthalt kann als Freiwilligendienst im Ausland angerechnet werden.

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„Da ist einer Spiritaner geworden“

Seit 65 Jahren ist Erwin Wiesler Mitglied des Spiritanerordens und feiert am 30. Juni 2019 seine 60 Jahre als Priester. Für ihn war das ein Prozess von Spiritaner-Sein und Spiritaner-Werden. In einem Interview mit Pater Samuel Mgbecheta hält er Rückblick auf seine 60 Jahre Einsatz als Ordensmann und Priester.

Pater Erwin Wiesler, CSSp

Pater Erwin Wiesler, CSSp

Pater Samuel: Wie fühlst Du Dich im Augenblick?

Pater Wiesler: Ich fühle mich relativ gesund, nachdem ich 2007 eine Herzoperation in der Uni-Klinik Heidelberg überstanden habe. Ich laufe mit 4 Bypässen herum und fühle mich relativ fit, meine Aufgaben wahrnehmen zu können. Die Operation ist gelungen!

Pater Samuel: Welche Aufgaben übernimmst Du noch in Speyer?

Pater Wiesler: Wir – Pater Alfons Wehrle und ich – betreuen 3 Schwestern-Konvente und 2 Altenheime seelsorglich. Hinzu kommt die Beichtgelegenheit, die wir in St. Bernhard von Donnerstag bis Samstag, jeweils von 15.30 Uhr bis 17.00 Uhr anbieten. Wir versuchen für die Leute da zu sein. Dieses Angebot wird unterschiedlich wahrgenommen. Es gibt Tage, an denen es intensive Beichtgespräche gibt, an anderen Tagen weniger. Zum Beispiel hatten wir vom ersten Adventssonntag bis Weihnachten im Jahr 2018 ungefähr 70 Beichten und von Aschermittwoch bis Pfingsten in 2019 waren es fast 90. Außerhalb der genannten Beichtzeiten kommen einige Leute, die das Bedürfnis haben, mit einem Priester zu sprechen. Wir schicken sie natürlich nicht weg!

Pater Samuel: In einigen Wochen feierst Du deine 60 Jahre als Priester, was bedeutet Dir dieses Fest?

Pater Wiesler: Es sind ja nicht nur 60 Jahre als Priester sondern auch 65 Jahre als Spiritaner. Das möchte ich gerne in einem sehen. 1954 habe ich meine zeitliche Profess mit einem halben Jahr Verspätung - wegen meiner damaligen Krankheit - abgelegt. Es war wirklich schlimm: eine offene Tuberkulose. Es war zwischen dem mündlichen und schriftlichen Abitur in Menden. Pater Kreutzkampf hatte in der Klasse gesagt: „Der arme Kerl, der kommt nicht mehr davon.“ Ich hätte mit 19 Jahren sterben können. Der externe Schüler, der mich angesteckt hat, ist tatsächlich mit 21 Jahren gestorben. Und ich habe überlebt. Ich war in einer Lungenheilstätte, und das war eine Sache zwischen Hoffen und Bangen. Ein Kapuzinerpater hat jeden Morgen die Messe für die Schwestern gefeiert, und ich habe als Messdiener gedient. Dieser Pater hat mir gesagt: „Wenn der Herrgott Dich haben will, dann wirst Du gesund. Und wenn Du gesund wirst, dann heißt es: Der Herrgott will Dich haben. Also gehe dann ins Noviziat.“ Dieser Pater war in russischer Gefangenschaft und hat sich dort seine Füße erfroren. Er konnte nur mühsam gehen. Meine Behandlung hat ein halbes Jahr gedauert; Ich wurde therapiert mit Hilfe eines so genannten künstlichen Pneumothorax und habe mich langsam erholt.

Pater Samuel: Was bedeuten Dir diese Erfahrungen mit der Krankheit?

Pater Wiesler: Es war eine schwere Prüfung. Überlebe ich die Lungentuberkulose oder sterbe ich daran? Es war eine Frage auf Leben und Tod. Auch die Herzoperation in Heidelberg war nicht viel anders. Es war nicht einfach, weder 1953/54 noch 2007. Für mich war meine Wiedergenesung ein Fingerzeig Gottes, dass ich gebraucht werde und dass ich mich zur Verfügung stellen muss. Und dies habe ich mit meiner Profess und einige Jahre später mit der Priesterweihe getan.

Primiz von P. Erwin Wiesler.

Primiz von P. Erwin Wiesle:"Für mich war meine Wiedergenesung ein Fingerzeig Gottes, dass ich gebraucht werde und dass ich mich zur Verfügung stellen muss."

Ich habe Knechtsteden nie außer Acht gelassen

Pater Samuel: Warum hast Du dich entschieden, Dein Jubiläum zuerst in Knechtsteden zu feiern und nicht in Speyer?

Pater Wiesler: Ich war eigentlich immer gerne in Knechtsteden und war mit der Aufgabe der Seelsorge an der Basilika sowohl vom Erzbistum Köln als auch von Seiten der Spiritaner in Deutschland beauftragt. Das war eine Aufgabe, die mir gefallen hat. Seitdem habe ich Knechtsteden nie außer Acht gelassen. Ich war öfters da zu den Kapiteln, zu Jubiläen, zu Beerdigungen usw. Jetzt nach 60 Jahren habe ich den Wunsch noch einmal – wahrscheinlich zum letzten Mal – einen Gottesdienst mit einer Predigt in der Basilika zu halten. Es freut mich, dass dieser Wunsch wohl in Erfüllung geht.

P. Erwin Wiesler empfängt Joseph Kardinal Höffner.

P. Erwin Wiesler empfängt Joseph Kardinal Höffner beim Fest der Erhebung der Klosterkirche zur Basilika.

Ein Prozess von Spiritaner-Sein und Spiritaner-Werden

Pater Samuel: Was ist Dir in diesen 60 Jahren als Spiritaner gelungen?

Pater Wiesler: Ich habe einiges mitgemacht. Die Jahre in Knechtsteden waren entscheidend, nicht nur für mich, sondern auch für die Spiritaner in Deutschland. Als ich 1973 die Aufgabe des Superiors von Knechtsteden übernehmen musste, haben wir uns überlegt, wie das weitergehen konnte. Wir waren der Meinung, dass wir uns räumlich konzentrieren und ein Erwachsenenbildungsangebot für die Öffentlichkeit bieten mussten. Das ehemalige Brüderhaus – die heutige Pension Augenblick – wurde in ein Bildungshaus umgestaltet. Nach dem Umzug waren alle froh, zusammen zu wohnen. Ich habe viel Wert darauf gelegt, dass wir uns als die Knechtstedener Kommunität verstehen und zusammenwachsen. Dies kam nicht nur mit dem Umzug zustande sondern wir haben stetig daran gearbeitet. Und seit 1976 gibt es nur noch die eine Gemeinschaft von Patres und Brüdern in Knechtsteden. Darüber hinaus habe ich maßgeblich an der Erhebung der Knechtstedener Kloster Kirche zur Basilika beigetragen. 1974 habe ich Kardinal Höffner, dem damaligen Erzbischof von Köln, geschrieben und ihn informiert, dass wir Spiritaner den Wunsch hätten, Knechtsteden zur Basilika erheben zu lassen. Daraufhin wurde unsere Bitte nach Rom weitergeleitet. Nach Befragungen von Rom aus wurde unserer Bitte entsprochen. Am 1. Dezember 1974 haben wir die Erhebung zur Basilika zusammen mit Kardinal Höffner gefeiert. Außerdem durfte ich in meiner Zeit als Superior von Knechtsteden einige Missionsstationen der deutschen Spiritaner im Ausland besuchen. Es war ein besonderes Geschenk und mein besonderer Wunsch. Als Superior bin ich oft gefragt worden: Wo arbeitet ihre Ordensgemeinschaft in der Mission? Waren sie schon mal dort? Und ich musste immer sagen, ich weiß alles nur vom Hörensagen. Ich habe das in einem kleinen Kreis – zugegen waren Bischof Ruth und Pater Winfried Urbanek – angesprochen, und ich wurde eingeladen, Brasilien zu besuchen. Danach habe ich die Mitbrüder in der Kommunität Knechtsteden gefragt, ob ich das Angebot wahrnehmen darf, und sie waren damit einverstanden. So bin ich nach einem Jahr im Amt als Superior von Knechtsteden im Jahr 1975 nach Brasilien geflogen. Die Reise ging vom Süden in Rio nach Brasilia, Manaus, Tefé, Cruzeiro do Sul, Sao Paulo und Salette. Ich war der erste Superior, der überhaupt eine solche Reise gemacht hat.

Pater Samuel: Wie hat Dir diese Reise in Deinem Amt als Superior geholfen?

Pater Wiesler: Nach dieser Reise hatte ich einen anderen Horizont. Ich habe die Arbeit meiner Mitbrüder in Brasilien kennen und schätzen gelernt und habe viel davon gesprochen und nach außen hin – in den Pfarreien – Lichtbildervorträge gehalten. Erst nach diesem Besuch konnte ich wirklich sagen, dass ich einem Missionsorden angehöre; zuvor verfügte ich hingegen über keine Missionserfahrung. Dieser Besuch hat mich sehr begeistert und mir eine Missionserfahrung ermöglicht. Auf dem Rückflug von Rio nach Dakar und Frankfurt war ich mit Pater Gerhard Steffen im selben Flugzeug. Damals war er der Provinzial der Spiritaner in Südafrika und er lud mich ein, nach Südafrika zu kommen. Mit der Zustimmung der Mitbrüder in Knechtsteden bin ich im Herbst 1976 nach Südafrika geflogen. Ich habe dort alle Stationen der Spiritaner gesehen und auch Apartheid miterlebt. Bei meiner Rückkehr habe ich Vorträge gehalten. Am Ende eines solchen Vortrags sagte mir ein Pfarrer: „Mensch, als Du von Brasilien kamst, da warst Du begeistert. Aber das, was Du da erzählst, das ist doch deprimierend.“ Auf diese Weise machte ich zwei durchaus unterschiedliche Erfahrungen. In beiden Fällen war es aber die gute Erfahrung von Mitbrüderlichkeit. Die Mitbrüder haben gesagt, es ist gut, dass Du diese Erfahrung machen konntest. Später – obwohl ich nicht mehr damit gerechnet habe, nochmals eine Missionserfahrung zu machen – durfte ich auch die Mission der Spiritaner in Ghana kennen lernen. Damals war ich Superior in Broich. Und am 30. November 1999 rief P. Gregor Lutz, der damalige Provinzial, an und bot mir an, nach Ghana zu fliegen. Unser Priesterausbildungshaus in Menden wurde verkauft, und der Erlös wurde u.a. nach Ghana geschickt. Damit wurden ein Priesterseminar und ein Noviziat in Ejisu, Ghana, gebaut. Menden hatte lange Zeit dazu gedient, Spiritaner auszubilden und sie in die Mission zu schicken. Diese Idee sollte nun in Ejisu, in Ghana, umgesetzt werden. Und der Generalobere, P. Haas, hatte den Wunsch geäußert, es solle jemand von Deutschland bei der Einweihung da sein. Pater Lutz fragte mich, ob ich Lust hätte die deutschen Spiritaner zu vertreten. Ich habe Ja gesagt, und es ging dann alles sehr schnell. Am 15. Dezember bin ich nach Ghana gereist und habe zusammen mit dem Erzbischof von Kumasi, Peter Kwasi Sarpong und dem Generaloberen an der Einweihung teilgenommen. Danach durfte ich zum ersten Mal Weihnachten in einem anderen Kontinent feiern. Ich habe bei dieser Gelegenheit auch die verschiedenen Stationen der irischen Spiritaner besucht. Obwohl ich sie vorher nicht kannte, haben sie mich gut aufgenommen.

Pater Samuel: Was hast Du von Deinem Besuch in diesen drei Ländern mit nach Deutschland genommen?

Pater Erwin: Dank der Missionserfahrungen in diesen Ländern bin ich mehr und mehr stolz geworden, Spiritaner zu sein. Es war ein Prozess von Spiritaner-Sein und Spiritaner-Werden. Gerade durch diese Erfahrungen bin ich mehr und mehr auch emotional Spiritaner geworden.

Pater Erwin Wiesler beim Bischof von Lesotho.

Pater Erwin Wiesler beim Bischof von Lesotho.

Das Nachdenken über die Profess und die Weihe haben mir Kraft gegeben

Pater Samuel: Was hat Dich in diesen 60 Jahren getragen und Dir Halt gegeben?

Pater Wiesler: Für mich war klar, Profess muss gelebt und in den Alltag umgesetzt werden. Es war manchmal nicht einfach. Die Jahre in Knechtsteden waren schwer, und die Jahre in Broich noch schwerer. Ich musste mich einigen Herausforderungen in der Kommunität stellen. Ich habe immer gedacht, du hast Profess gemacht, jetzt wird es konkret. Du musst jetzt die Profess und die Weihe leben. Es war nicht immer leicht! Aber das Nachdenken über die Profess und die Weihe haben mir Kraft gegeben. In wieweit das Gemeinschaftsleben ein wichtiger Halt für mich war, möchte ich mit einer Anekdote erklären: Wenn man Strümpfe anzieht, dann jucken sie zwar, aber sie geben doch Wärme. So hat es mir mal ein Pfarrer gesagt und hinzugefügt: Denk daran, manches beißt, aber es gibt trotzdem Wärme. Man fühlt sich auch getragen von der Kommunität. Es waren manche schöne Dinge, die ich erlebt habe.

Pater Samuel: Wie würdest Du Deinen 60-jährigen Einsatz als Spiritaner zusammenfassen?

Pater Wiesler: Erstens, ich habe alles gerne gemacht. Zweitens, gerade die schwierigen Situationen haben mir geholfen, zu meiner Profess zu stehen und mich weiterzuentwickeln.

Pater Samuel: Was wünschst Du Dir selbst und Deinen Mitbrüdern in Deutschland für die Zukunft?

Pater Wiesler: Ich wünsche mir selber die nötige Gesundheit, um mich weiter engagieren zu können. Und ich wünsche mir, dass wir froh sind, Spiritaner zu sein.

Lebenslauf_Pater Erwin Wiesler


29.06.2019

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