Wachsender Tourismus in Tansania - Neue Aufgabe für Spiritaner
Wo fast die ganze Welt einkehrt!

Der auch in Tansania wachsende Tourismus stellt die Spiritaner in Ostafrika vor ganz neue Aufgaben. Aus dem kleinen Küstenstädtchen Bagamoyo am Indischen Ozean berichtet Pater Johannes Henschel.


Die Besucher des Museums kommen aus verschiedenen Kontinenten. Das Interesse an der Geschichte der Kirche in Ostafrika ist groß.
Hat der 1992 verstorbene Pater Frits Versteijnen das wohl geahnt, als er 1969 hier auf dem historischen Pfarrgelände in Bagamoyo ein kleines Geschichtsmuseum begann? Heute besuchen pro Jahr nahezu 9000 Touristen aus 76 Ländern der Welt dieses Museum. Im vergangenen Jahr kamen sie aus 76 afrikanischen Staaten, aus 23 europäischen und acht amerikanischen Ländern. Asien war mit Besuchern aus 15 Staaten vertreten. Hinzu zu zählen sind die Besucher aus Australien, aus Neuseeland und von den Inseln Réunion und Madagaskar im Indischen Ozean. Und die Besucherzahl wächst von Jahr zu Jahr.

Für die ostafrikanischen Spiritaner eine echte Herausforderung, neue Wege in der Touristenpastoral zu finden, und genau dazu haben sie mich von der deutschen Spiritanerprovinz zurückerbeten. Als ich vor kurzem aus den Gästebüchern die Jahresstatistiken für 1997 und 1998 erarbeitete kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Bislang hatten Besucher aus Europa die Spitzenposition eingehalten: unter ihnen an erster Stelle immer die Deutschen. Doch inzwischen holen Afrikaner rasant auf. Im vergangenen Jahr kamen 1960 Tansanier in unser Museum, 160 mehr als im Jahr zuvor. Aus Kenia kam 151 Besucher, 77 mehr als im Jahr 1997. Auch aus Burundi, Uganda und Malawi kamen Besucher nach Bagamoyo; in steigenden Zahlen ebenso aus Südafrika, Lesotho, Swasiland, Botswana und Namibia. Sogar westafrikanische Staaten waren vertreten: Kamerun, die Republik Kongo, Gambia, Ghana, die Elfenbeinküste, Sierra Leone und Nigeria. Auch die Zahl der Besucher aus Tunesien, aus Äthiopien, aus Eritrea und aus Somalia hatte zugenommen. Zeichnet sich hier ein wachsender innerafrikanischer Tourismus ab, auf den wir Spiritaner uns vorbereiten müssen? Alle diese Menschen kommen zu uns. Wir brauchen ihnen nicht nachzugehen, wir müssen ihnen nur echt begegnen.

Und noch eine weitere Erfahrung verblüffte mich: Immer mehr Schulen schicken Busse mit ganzen Klassen in unser Museum; nicht nur aus Bagamoyo und Dar es Salaam, sondern auch aus weiter entfernten Städten. Hier stellt sich die weitere Frage: Kann das auf ein wachsendes Geschichtsbewußtsein unter den Afrikanern hinweisen?

Von diesen Fragen fühlen wir Spiritaner uns herausgefordert und suchen neue Wege in der Touristenpastoral. Im Augenblick tun wir erst kleine tastende Schrittchen und sind aus die Planungsphase noch nicht herausgekommen. Auch die Insel Sansibar besuchen viele Touristen. Mit Bischof Augustinus Shao von Sansibar planen wir einen regelmäßigen Schiffsdienst von Sansibar nach Bagamoyo und umgekehrt. Die Entfernung beträgt nur 20 Seemeilen. Wir möchten Touristen "auf den Weg der Sklaven" mitnehmen. Angefangen in Bagamoyo, wo im vergangenen Jahrhundert Hunderttausende von Sklaven auf arabische Dhows gepfercht wurden, um auf dem zentralen Sklavenmarkt in Sansibar als menschliche Ware feilgeboten zu werden. Auf einer solchen Dhow möchten wir die Überfahrt für Touristen anbieten. Wir können ihnen dann bekannte Sklavenschicksale erzählen.

Säulenstumpf in der anglikanischen Kathedrale: Die Stelle erinnert an den Markt, auf dem die Sklaven zum Verkauf angeboten wurden.
In Sansibar können wir in noch vorhandene Sklavenverließe hinabsteigen und dann in der anglikanischen Kathedrale vor dem Hochaltar stehen, auf dem das Kreuz mit dem befreienden Christus genau über dem Zentrum des ehemaligen Sklavenmarktes erbaut wurde. Zurück in Bagamoyo besuchen wir das Gelände des ehemaligen "Christlichen Freidorfes", in dem die Missionare losgekaufte Sklaven zu ihrem Schutz solange ansiedelten, wie die Sklaverei in Ostafrika bestand. So kann die befreiende Botschaft des Evangeliums Touristen erlebnishaft nahegebracht werden.

Das kann ein Weg sein. Einen weiteren Weg versuche ich im Augenblick mit Vertretern unseres Ortsbüros für Geschichte. Wir möchten die Informationen über die Stadtgeschichte durchsichtiger für unsere vielen Besucher gestalten und junge Menschen zu Stadtführern schulen. Dass ich als katholischer Priester hier in dieser vorwiegend moslemischen Stadt in diesem Arbeitskreis mitarbeite, ist sicher nicht nur zum Vorteil unserer Besucher, sondern für Touristen und Einheimische auch ein Zeichen, dass Menschen unterschiedlicher Religionen durchaus auf vielen Gebieten zusammenarbeiten können. Dass zu demonstrieren, war auch eine der Herausforderungen, die wir Spiritaner erspürten. Immer mehr Menschen kehren als Touristen bei uns ein. Ihnen müssen wir begegnen und dafür gute Möglichkeiten schaffen.

Der Artikel wurde in der Spiritanerbeilage des Missionsmagazins "kontinente" in der Ausgabe März/April 2001 abgedruckt.   (siehe Publikationen)
 
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