Missionsarbeit ist keine Einbahnstraße

Genau 40 Jahre lang war Pater Richard Jehle in Südafrika als Missionar unterwegs, hat dort geholfen, wo die Not am größten ist. In 52 Ländern der Erde sind wie er mehr als 3.000 Spiritaner tätig - darunter 100 Deutsche mit ihrer Zentrale in Knechtsteden. Ihre Aufgaben wandeln sich: Mehr und mehr übernehmen einheimische Geistliche die Arbeit der Missionare.

Vier Jahrzehnte lang war Pater Richard Gehle in Südafrika tätig - als einer von vielen Missionaren des Spiritanerordens. Neue Herausforderungen in anderen Ländern, auch in Europa, warten - Mission ist keine Einbahnstraße. Den Weg zur modernen Mission bereitete Ordensgründer Pater Franz Maria Paul Libermann, der im 19. Jahrhundert den "Verein zur Missionierung der schwarzen Rasse" gründete. Farbige und weiße Menschen waren für ihn gleichwertig. "Libermann war ein moderner Denker", erklärt Pater Jehle. "Werdet Afrikaner mit den Afrikanern", habe Libermanns Devise gelautet. "Vergesst Eure europäische Kultur, lernt, guckt, lebt". In diesem Jahr feiert der Orden nicht nur 300-jähriges Bestehen, sondern gedenkt auch des 150. Todestages von Libermann. Seinem Gedanken treu gingen und gehen Spiritaner in alle Welt, von Äthiopien bis Nigeria allein in rund 20 Länder Afrikas.

Die Vermittlung des christlichen Glaubens war nur eine seiner Aufgaben, als Pater Richard Jehle 1961 als Missionar nach Südafrika kam. "Wir haben dort ein halbes Dutzend Kirchen errichtet, Kindergärten, Nähschulen, beim Bau von Wohnhäusern geholfen", erzählt er. Dort - damit ist die Diözese mit Sitz in Bethlehem, eine 100.000 Einwohner-Stadt mehrere hundert Kilometer südlich von Johannesburg, gemeint. "Eine sehr ländliche Gegend im südafrikanischen Hochland." Armut und Not sind alltäglich: "Die Arbeitslosigkeit und die Kindersterblichkeit in Südafrika sind hoch." Und bis sich die Lebensbedingungen von Farbigen und Weißen angeglichen haben, sei es ein langer Weg. Hilfe zur Selbsthilfe zu geben ist ein Ziel der Mission, Hoffnung zu geben ein anderes.

Pater Jehle hat Jahrzehnte der Apartheid erlebt: "Als Weiße waren wir Missionare mit die einzigen, die zu den farbigen Menschen gegangen sind. Wenn ich auf eine der weit auseinander liegenden Farmen kam, liefen die Kinder davon und riefen: ,Ein Weißer kommt." Eine Mutter hat da mal geantwortet: ,Das ist kein Weißer, das ist ein Pater'. Wir waren Hoffnungsträger für viele Menschen." Pater Jehle hat nicht nur die Not und die Sorgen der Menschen geteilt, sondern auch die afrikanische Kultur miterlebt. Gern erinnert er sich an die ganz anderen religiösen Bräuche und an die Gottesdienste, lebendiger und impulsiver als hier zu Lande, an Kirchenmusik zum Rhythmus einer Trommel. Aber auch an Beerdigungen, zu denen Verwandte wochenlang von weither anreisen.

"Dann wird eine Kuh geschlachtet, und jeder im Dorf bekommt trotz Armut etwas ab." Pater Richard Jehle ist nach 40 Jahren zurück in Deutschland, lebt jetzt in Knechtsteden. "Die Aufgabe der westlichen Missionare in Afrika ist weitgehend erfüllt", zieht er eine nicht nur persönliche Bilanz. Grund sei nicht allein die zurückgehende Zahl der Spiritaner etwa in Deutschland. Die afrikanischen Bistümer und auch dort entstandenen Provinzen der Spiritaner nehmen immer mehr Aufgaben der Missionare in die eigene Hand. "In Südafrika ist mittlerweile die Hälfte des Klerus von Farbigen besetzt. Wir arbeiten daran, uns dort überflüssig zu machen." Das sei auch das Ziel. Laut Libermann soll Mission nur den Grundstein für Kirche legen, vollenden sollten sie die Einheimischen.

Vermehrt wenden sich Spiritaner deshalb anderen Ländern wie Pakistan, Taiwan und den Philippinen zu. Und auch Europa als Ausgangspunkt der Mission rückt für Jehle stärker in den Mittelpunkt - schon auf Grund des Priestermangels: "In diesem Jahrhundert könnten durchaus Missionare aus Afrika nach Europa kommen" - Kulturaustausch in beide Richtungen. Pater Ifeanyu Emejulu aus Nigeria war bereits eine Zeit lang in Knechtsteden: "Glaube ist hier nicht so selbstverständlich, und die Gottesdienste nicht so lebendig wie bei uns zu Hause." Eine gute Erfahrung sei, "wie in Deutschland Jugendarbeit gemacht wird".

Carsten Sommerfeld

Quelle: Neuss-Grevenbroicher-Zeitung, 7.8.2002 - NGZ-Online
 
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