Als Ärztin und Missionarin im Einsatz in Haiti:
Seid Zeichen des Lebens!


Mit ihrem Esel erreicht Schwester Agnes CSSp, selbst die entlegensten Dörfer.
Sie stammen aus Frankreich, Spanien und Martinique, eine Postulantin kommt aus Haiti. Die Vielfalt macht den Reichtum der Gemeinschaft der Spiritanerinnen "Montagne la Voute" aus. Seit ihrer Ankunft 1998 haben sie sich dem Dienst an der ländlichen Bevölkerung verschrieben. Das Gelände ist unwegsam, die Erde ist nicht sehr fruchtbar, aber die Aussicht über den Golf von Jacmel ist herrlich. "Echo de la mission" führte mit Schwester Agnès, die als Ärztin hier tätig ist, und ihren Mitschwestern ein Gespräch.

Was erwartet die Menschen zunächst von einer Schwestern- gemeinschaft?
Laly: Die Leute haben uns in einer wunderbaren Weise willkommen geheißen. Sie hatten es sich schon lange gewünscht, dass eine Gemeinschaft von Schwestern sich in ihrer Mitte ansiedelte. Sie haben uns gebeten, sich einfach zur Verfügung zu stellen und gastfreundlich zu sein. Wir sind da, und so fühlen sie sich nicht mehr allein. "Der gute Gott ist mit uns", sagen sie. Der Bischof von Jacmel hat uns gebeten, bei den Leuten zu leben und so Zeichen des Lebens zu sein. Das ist unsere erste Missionsaufgabe. Wir legen den Schwerpunkt unserer Tätigkeit auf Besuche. Wir gehen zu den Menschen hin.
Jede von uns erinnert sich an unsere ersten "Expeditionen" zu den mehr oder weniger weit entfernten Kapellen: Aregui, Grande Rivière, Dufo. Damals kamen wir erschöpft zurück. Heute, wo wir geübter sind, geht es besser. Wir entdecken, die Nöte und Sorgen der Menschen und versuchen darauf zu antworten.

Was war das erste, womit Ihr angefangen habt?
Malou und Geneviève: Das war die Alphabetisierung. Die Landbevölkerung fühlt, dass neue Ideen entwickelt werden müssen, um auf die Herausforderungen einer ständig sich ändernden Welt zu antworten. Es genügt nicht, das zu tun, was man immer getan hat. Wenn sie lesen und schreiben können, können sie reagieren, können ihre eigene Meinung äußern, können sich Neuem auch widersetzen. Wir haben gerade zwei Alphabetisierungsaktionen abgeschlossen. Über sechs Monate haben wir eine Gruppe von rund 30 Erwachsenen begleitet, mit einer Arbeitssitzung am Tag. Die Methode war hervorragend. Die Ausbildung behandelt jede Woche ein anderes Thema: Krankheit, Markt, Demokratie, usw. Dabei geschah gleichzeitig Bewußtseinsbildung.
Die, die regelmäßig gekommen sind, können heute lesen und schreiben. Wir sind bereit, diese Arbeit fortzusetzen.

Und die jungen Leute, was wird aus ihnen in diesen Bergen?
Odulia: Viele flüchten sich in die Stadt. Wir bräuchten hier eine weiterführende Schule, um sie hier zu binden. 35 Jugendliche versammeln sich jeden Freitag und nehmen an der Animation ihres Dorfes teil in ihrer Gemeinschaft. Langsam beginnen sich Dinge zu bewegen: Gebet, Ausflüge, Gesänge, Reflektion. Sie haben ein Konzert organisiert, das hat gut geklappt. Die Ausbildung bezieht den ganzen Menschen mit ein: Das politische Leben, unsere Verantwortung als Bürger… Die Frage: muß man zur Wahl gehen? paßt genau in die Zeit.


Sr. Agnes ist ausgebildete Kinderärztin. So gilt ihre Sorge vor allem den Jüngsten.
Als ich in Montagne La Voute ankam, habe ich wie überall in Haiti Schulen, Kirchen, aber kein Hospital gesehen. Ich vermute, dass eine Missionssschwester, die Ärztin ist, genug zu tun hat?
Agnès: In unserer Gegend gibt überhaupt keine Strukturen im Gesundheitswesen. Nach unserer Ankunft hier, kamen die Menschen zunächst ins Haus, um sich behandeln zu lassen. Heute haben wir ein kleines Haus in der Nähe der Kirche gemietet: Eine kleine Apotheke, wo Schwester Malou die Kranken untersucht, ihnen Medikamente gibt, und mein Sprechzimmer. Ein einziges Bett erlaubt mir eine Infusion zu machen. Falls notwendig, "beschlagnahme" ich ein Bett in der Nachbarschaft.
Als Kinderärztin geht mir die Unterernährung, unter der viele Kinder leiden, besonders unter die Haut. Ich habe eine handbetriebene Mühle gekauft und installieren lassen, in der man Reis, Mais, Bohnen mahlen lassen kann, um daraus einen nahrhaften Brei zu machen.
Es gibt auch sehr viele behinderte Kinder. Ich habe bei der Organisation "Pas à Pas" (Schritt für Schritt) Alarm geschlagen, einer ambulanten Krankenstation, die hier in Jacmel angesiedelt ist. Wir haben die Familien zusammengerufen, die ein behindertes Kind haben,um eine Auswertung durchführen zu können. Wir hatten über 50 Kinder versammelt mit verschiedenen Behinderungen: Lähmungen, Hör- und Sehstörungen, Mißbildungen, etc. Ein Elternkommitee wurde ins Leben gerufen: Einige von ihnen kommen jeden Monat nach Jacmel um eine Ausbildung zu erhalten. Jeden Dienstagnachmittag treffen wir uns mit den Jugendlichen, die behindert sind. Sie lernen verschiedene Tätigkeiten: Handwerk, Sticken, Zeichnen, sowie das Herstellen von Armbändern.
Und schließlich reite ich jeden Mittwoch auf dem Rücken eines Esel auf unwegsamen Straßen nach Dufo - am Ende des Tals, am Ufer des Flusses: ein Dorf, eine Schule. In der Nähe der Schule haben wir ein Haus eingerichtet, wo meine Sprechstunde stattfindet. Derzeit habe ich begonnen, zehn Personen auszubilden in einem kleinen Haus in der Nähe der Schule: Wenn ein Kind Kopfschmerzen hat, ist das schlimm? Was kann ich tun? Zwei von ihnen verwalten nun die kleine Apotheke, sie können den Blutdruck und die Temperatur messen. An einem solchen Ort, der so isoliert ist, ist das ein wunderbarer Fortschritt.


Die Begegnung in der Gemeinschaft
gibt den Schwestern Kraft
für den nicht immer leichten Alltag.
Überall, wo ich die Ordensschwestern gesehen habe, habe ich beobachtet, wie sehr sie sich um das Leben der Frauen sorgen.
Laly: Für uns ist die Familie als ganzes wichtig. Man muß Geld verdienen. Deshalb reisen Vater, Mutter, manchmal auch beide, nach Port-au-Prince oder Santo Domingo. Das ist eine Trauma für die Kinder. Auf der anderen Seite stürzen sich die Jugendlichen ohne Vorbereitungen in die Ehe, und das endet dann oft in einer Katastrophe: die Frau kehrt zu ihren Eltern zurück. Die Ehepaare versuchen, die Geburt ihrer Kinder zu planen. Eine schwierige Sache. Ich habe gerade ein Seminar beendet, um Ehepaaren bei der natürlichen Familienplanung zu helfen. Zwischen den radikalen Methoden, die den Hormonzyklus blockieren und den natürlichen Methoden, die von der Kirche empfohlen werden, liegt ein weites Feld. Die Pille ist hier noch nicht verbreitet. Das ist eine wichtige Frage für die kommenden Jahre.

Der Artikel wurde in der Spiritanerbeilage des Missionsmagazins "kontinente" in der Ausgabe März/April 2001 abgedruckt.   (siehe Publikationen)
 
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