E N T B E R G E N

Die Bilderwelten des Pater Wilhelm Pfeil CSSp

Gedanken zur Entstehungsgeschichte
der Materialdrucke von Wilhelm Pfeil


Als Wilhelm Pfeil nach dem Kriege sein Kunststudium begann, kam er im Vorkurs der Werkkunstschule Krefeld zu Gerhard Kadow. Das war sicherlich ein Glücksfall. Kadow erkannte in Wilhelm Pfeil das noch nach Orientierung suchende Talent und förderte ihn auch noch über dessen Studienzeit hinaus.

Kadow war Schüler von Paul Klee und als Maler und Kunsthistoriker der berufene Mann, um seinen Schülern den Anschluß an die durch die Nazis unterbrochene Kunstentwicklung finden zu helfen. Die Väter der Moderne, vor allem van Gogh und Cézanne sowie die auf sie folgende Generation der Expressionisten und Kubisten, fanden nicht sofort die erwartete Aufnahme. Aber es war - auch nach den neuen Erkenntnissen der Geistes- und Naturwissenschaften - nicht mehr möglich, in der Kunst ein ungetrübtes Abbild der Naturwirklichkeit anzustreben. "Die Geschichte des Nachahmungstriebes ist eine andere als die Geschichte der Kunst", hatte W. Worringer in seiner Doktorarbeit 1908 unter dem Titel "Abstraktion und Einfühlung" geschrieben. In den künstlerischen Strömungen seiner Zeit, im Kubismus und Expressionismus fanden die Thesen Worringers ihre Bestätigung. In der ungegenständlichen Kunst, vor allem durch Kandinsky zum Durchbruch gelangt, wurden weitere Fragen aufgeworfen, die noch über die Erschütterungen, die der Expressionismus hervorgerufen hatte, hinausgingen. Auf die Frage, was an die Stelle des Gegenständlichen in der Kunst treten sollte, gab Kandinsky zur Antwort "Die innere Notwendigkeit. Das vom Gegenstand befreite Bild wird seine Gesetze in sich tragen." Die Anhänger Kandinskys sprachen von einer "absoluten Malerei und Skulptur, die endlich von der Sklaverei des Gegenständlichen befreit, ihren eigentlichen Aufgaben zugeführt werden könne".

Schon bei van Gogh und Cézanne die noch nach der Natur malten, war das, was auf ihren Bildern zu sehen war, alles andere als ein Abbild der Natur. Van Gogh zwang mit den Worten Cézanne "die Natur zur Expression". Statt der leidenschaftlichen Aussage ging es Cézanne dagegen um etwas Absolutes, einen Organismus, der keinen anderen Gesetzen unterstand, als denen eines eigenen Systems. Bei van Gogh und Cézanne kündigten sich zwei Grundlinien an, die in der Vielfalt der auf sie folgenden Entwicklung Orientierung bot. In beiden Strömungen verlor die äußere Wirklichkeit immer mehr von ihrer Verbindlichkeit. Nicht mehr vor der Natur, sondern im Atelier suchte man nach Ausdrucksmitteln' Techniken und Systemen, um den tieferen und komplexeren Erfahrungen an Natur und Welt zum Ausdruck zu verhelfen.

In diesem Stadium der Entwicklung wurden für den Studenten Wilhelm Pfeil neben Paul Klee die Dadaisten, vor allem Max Ernst, von besonderer Bedeutung. Das Verfahren der Kunst ist ein Verfahren der Verfremdung der Dinge. Welche Bedeutung die Verfremdung in der Collage durch die zufällige Konfrontation der Bildelemente erlangt, ist hinlänglich und oft beschrieben worden. Neben seinen Collagen waren es die Frottagen, durch die Max Ernst in einem bis dahin in der Kunst nicht angewandten Verfahren faszinierte. Bei diesen Bildverfahren - neben der Collage und Frottage nannte Max Ernst die

weiteren, von ihm erfundenen Techniken Grattage, Decalcomanie und Dripping - ging es um "Mechanismen, die die Inspiration, die Imagination und Phantasie auf Touren bringt". Dabei will Max Ernst nicht, daß der Betrachter auf eine Lösung festgelegt wird. Es ist ihm recht, wenn man mehr in seine Bilder hineinsieht, als in ihnen inszeniert wurde. In einem Text "Was ist Surrealismus?" sieht er auch den Künstler selbst als Zuschauer des Bildgeschehens und nicht als dessen Schöpfer. Die Resultate der Verfahren zur Errichtung der "poetischen Objektivität", bei denen der Zufall - der provozierte und gelenkte Zufall - die entscheidende Rolle spielt, sind also nie feste, fertige Ergebnisse, sondern sie sind auslegungsoffen und sollen im Betrachter weiterleben. Das Werk Max Ernsts forderte zu weiteren Erfindungen von Prozeduren des Bildermachens auf.

Die Kubisten Picasso und Braque hatten als erste wirkliche Dinge in den Bildgrund eingefügt. Fundstücke, oft nichtssagende Materialfetzen, konnten im Bildzusammenhang zu poetischer Aussage gelangen. Damit wurde die "ideale" gemalte Bildfläche zerstört, aber ein entscheidender Schritt war getan zur Verselbständigung, zur Verdinglichung des Bildes. Der Weg führte vom Bild zum Gebilde. Es wird einsichtig, welche Bedeutung das ins Bild kommende Fundstück erlangte. Mit der Bedeutung des stofflichen Materials als Teil des Bildgebildes wächst die Bedeutung des Sammelns. Schon beim Fundstück fängt das Bildermachen an. Picassos oft mißverstandenes Wort "Ich suche nicht, ich finde," charakterisiert die Methode dieser Bildfindung ziemlich genau und kann darüber hinaus für einen großen Bereich der modernen Kunst stehen." Suchen" das würde heißen, daß schon etwas Vorausgewußtes oder schon Bestimmtes, weil Bekanntes, da ist; auch wenn es nur verschwommen in der Erinnerung oder Vorstellung ist, der Blick des Suchenden wäre damit eingeengt." Finden" das heißt offen sein für alles, für jede sich bietende Uberraschung des Zufalls, das begeisterte Annehmen des Zufallenden als Geschenk. So geschieht das Bild, einem Abenteuer gleich, schon aus der Aktion des Findens heraus.

Das dem eigenen Wollen förderliche Material und Verfahren zu finden, in Übereinstimmung von Wollen und Können, ist die unerläßliche Voraussetzung für das Gelingen. In der Koppelung von Meditation, Erinnerung, bildnerischer Intelligenz und Intuition kann es geschehen, in einen Zustand der "Empfängnis" zu gelangen. Das klingt einfacher, als es ist. Das Verfahren ist noch nicht alles. Was daraus wird, das ist eine Frage des künstlerischen Ranges.

Die Dadaisten haben den Weg gewiesen. Der entscheidende Ausgangspunkt ist das Offensein, die fragende Neugier. In der hartnäckigen Befragung des Bildmaterials sind Wilhelm Pfeil in sich schlüssige, unverwechselbare Bilder gelungen. Dabei hat er nicht nach gängigen Wirkungen gesucht, sondern ist auf das Rätselhafte und Unerklärliche eingegangen. Die Bilder bleiben im Symbolhaften. Sie suggerieren mehr als sie definieren. Ihnen einen Titel zu geben, widerspräche ihrer Entstehungsgeschichte und dem Auftrag, den sie haben. In der Reduktion auf die Farbe Schwarz, die Odilon Redon die wichtigste Farbe nannte, ist es Wilhelm Pfeil gelungen, das Unerwartete zur Erscheinung zu bringen. "Das Unbewußte ist der Lebenssaft, göttlichen Ursprungs und immer anders." (Redon, 1891>


Walter Cüppers

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der Spiritaner
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