Kongeuropa und Sudanopel

Afrikanische Kolonialherrschaft in Europa -
Eindrücke eines "Kolonial-Spiels"

Im Ruhrpott und in ganz Norddeutschland spricht man von nun an Englisch und Kiswahili als Amtssprachen, und das neue Land Dedaebeno reicht von Westfrankreich über die Benelux-Staaten bis Dänemark und Nord-Mittel-Deutschland. Die Kolonialmacht, die das ehemalige Deutschland besetzt hat, ist Kenia. Die Verwaltung sitzt von nun an in Kenamsda, dem ehemaligen Amsterdam. Wie das wohl wäre?

Karte von Kongeuropa und Sudanopel
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Stellen Sie sich vor, alle öffentlichen Verlautbarungen der Regierung, alle Behördengänge, finden von nun an auf Kiswahili und, wenn Sie Glück haben, auf Englisch statt. Im Kindergarten und in der Grundschule lernen alle Kinder Englisch und Kiswahili, und in weiterführenden Schulen ist der Unterricht nur noch auf Englisch.
Auf den Straßen wird Linksverkehr eingeführt. Falls Sie ein Polizist anhält, weil Sie falsch fahren, müssten Sie auf Kiswahili mit ihm verhandeln.
Falls Sie Ihre Verwandten in Süddeutschland besuchen wollen, müssen Sie ein Besucher-Visum beantragen und einen strengen Grenzübergang nach Kongeuropa passieren. Dort ist von nun an alles auf Französisch, denn die dortige Kolonialmacht ist der Kongo. Die Kinder Ihrer Freunde oder Verwandten können Französisch, Sie aber Englisch ... und die Enkelkinder, ob die überhaupt noch richtig Deutsch lernen?
Ihren Urlaub in Italien können Sie übrigens auch vergessen - falls Sie überhaupt noch Geld und Ferien haben, um wegzufahren, so werden Sie Italien nicht mehr erkennen. Der ganze Mittelmeer-Raum - von Spanien über Südfrankreich, Italien, Griechenland und der Türkei gehört zu Sudanopel - vom Sudan regiert und islamisiert. Amtssprache Arabisch, versteht sich.

Ein solches Szenarium entwickelten 20 junge Leute, die sich Mitte März zum "Afrika-Wochenende" in München bei den Weißen Vätern trafen. Es war ein Vorbereitungsseminar für "MissionarInnen auf Zeit", die alle für ein Jahr oder länger in Afrika mitleben, mitbeten und mitarbeiten werden. Dabei ging es um afrikanische Kultur und Lebensweise, aber eben auch um Geschichte und Politik.

Die oben angerissene Vision ist eine Verkehrung der Situation von 1884. Damals lud Bismarck die europäischen Politiker nach Berlin ein, um den afrikanischen Kontinent unter sich aufzuteilen. Ohne Rücksicht auf irgendwelche traditionellen Länder- und Völkergrenzen, ohne Achtung der Menschen, die in den vielen verschiedenen Ländern Afrikas lebten, teilten die Europäer die afrikanische Landkarte mit Stift und Lineal in Hoheitsgebiete für sich auf. Unter dem Deckmantel, "Schutzgebiete" zu erstellen und den armen Wilden die "Zivilisation" und den "Fortschritt" zu bringen, wurde Afrika ausgebeutet, wurden Rohstoffe und menschliche Arbeitskraft gestohlen, wurde Menschen ihre Würde und Selbstachtung, ihre Sprache und Kultur, ihr soziales Gefüge geraubt.
Man kann sich so etwas nicht vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat.
Beim "Kolonial-Spiel" konnten die jungen Leute ein kleines bisschen erahnen, was Kolonialisierung bedeutet.
Eine Gruppe spielte die afrikanischen Politiker aus Kenia, Südafrika, dem Kongo und dem Sudan, und teilte Europa unter sich auf. Eine zweite Gruppe spielte europäische Präsidenten und teilte Afrika erneut unter sich auf. - Beide machten eine erschreckende Erfahrung: bei den Verhandlungen untereinander ging es jedem nur darum, die besten Gebiete für sich zu erobern, möglichst viel und interessantes Land zu besetzen. Die Menschen, die dort leben, spielten überhaupt keine Rolle mehr. Stattdessen kämpfte jeder um seine Macht.

So wird es wohl auch 1884 gewesen sein. An den Folgen dieser Macht- und Ausbeutungs-Strukturen leiden die Staaten Afrikas heute noch. Auch wenn das im Jahr 2001 keiner mehr hören will ...
Der burundische Schriftsteller Michel Kayoya schreibt:

"In Berlin hatte man unseren Kontinent aufgeteilt.
Man kam, uns zu erziehen.
Man kam, uns zu zivilisieren.
Dieser Vertrag von Berlin hat mich lange gekränkt.
Das schlimmste aber war, dass man mich dieses Datum lehrte.
Eine ganze Stunde lang nannte man uns
die Namen der Vertragspartner von Berlin.
Ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, den Mut der Forscher, den selbstlosen Humanismus.
Aber niemand,
absolut niemand wies hin auf die Beleidigung,
auf die Schmach, die uns Afrikaner überall begleitete.
Mein Volk wurde zur Maschine.
Es wurde aus der Ferne gesteuert, es war fast tot.
Erstorben war das Bewusstsein seiner Persönlichkeit.
Mein Volk war kolonialisiert."
(aus: Walter Michler, Weißbuch Afrika, S. 86f)

Die Folgen der Kolonialisierung sind bis heute spürbar - z.B. in fehlendem Selbstbewusstsein von Afrikanern, die lernten, "underdogs" - eine Klasse unter den Hunden - zu sein, z.B. bei den Ländergrenzen, die Völker verschiedener Kulturen und Sprachen vereinigen und gleichzeitig zusammengehörige Volksgruppen trennen, z.B. in der Entwicklung der Wirtschaft, die durch die Ausbeutung Europas behindert wurde und immer noch wird, z.B. in übergestülpten europäischen Strukturen, Bildungssystemen und politischen Systemen ....

Wir dürfen die Geschichte nicht vergessen, um die Gegenwart verstehen und leben zu können. Und um heute Gegenakzente setzen zu können.
Eine Missionarin auf Zeit, die in Kenia in einem Kinderheim mitarbeitet, legt ein wichtiges Zeugnis gegen die "herrschenden Weißen" ab: die Einheimischen erwarteten, dass sie unterrichten würde oder so etwas - wie die Weißen das in Afrika immer tun. Stattdessen wäscht sie die dreckigen Windeln der Kinder, putzt den Boden, wischt Erbrochenes auf ... wie die afrikanischen Mitarbeiterinnen auch. Die trauen ihren Augen nicht - eine Weiße, die sich nicht zu schade ist, so etwas zu tun. - Ein wichtiges Zeugnis dafür, dass alle Menschen gleich sind, und nicht die einen die Herrscher und Besseren! Solcher Zeugnisse braucht es noch viele, um die Wunden, die die weißen Kolonialherren schlugen, zumindest ein bisschen zu heilen.

Doris Köhncke

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Handbuch Afrika
Netzwerk Afrika-Deutschland
Erlassjahr 2000
Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika - KASA


Literatur:
Afrika I
Informationen zur politischen Bildung, 264
3. Quartal 1999

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